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PJ im Ausland

Zwischen weißem Kittel und buntem Karneval – PJ in Brasilien

Alisha Qamar

Für mein PJ-Tertial ging es für mich nach Brasilien. Dort warteten neben spannenden medizinischen Einblicken auch eine völlig neue Kultur und Lebensweise auf mich, die meinen Horizont erweitert haben und die ich nicht mehr missen möchte.

Alisha in Brasilien
© Alisha Qamar

Motivation

Wieso genau Brasilien? – Es gab viele Gründe für diese Entscheidung. Ausschlaggebend war jedoch der volle Stundenplan des Medizinstudiums und mein Ansporn, trotzdem eine neue Sprache zu lernen. Die RUB bietet viele Sprachkurse an – jedoch haben sich die Termine häufig mit Pflichtveranstaltungen der Fakultät überschnitten, sodass mir nur der Samstagskurs für Portugiesisch blieb. Dieser fand im Wintersemester meines 9. Semesters jeden Samstag von 08:00 Uhr bis 12:00 Uhr statt. Also betrat ich ab der Bestätigungsmail für meine Teilnahme am Kurs jeden Samstagmorgen die leergefegten Betonplatten der RUB – die Kälte des Wintersemesters im Nacken – ein starker Kontrast zu den warmen, lebendigen Straßen Brasiliens, die auf mich warten sollten.
Mein Sprachlehrer war selbst Brasilianer, sodass wir neben der musikalisch klingenden Sprache auch ganz persönliche Anekdoten und Einblicke in die Kultur bekommen haben. All dies brachte mich auf die Idee, mich für ein Praktikum in Brasilien zu bewerben.

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Vorbereitung und Bewerbung

Wenn du vorhast, dein PJ im Ausland zu absolvieren, schau vorher unbedingt auf der Seite deines Landesprüfungsamtes nach, welche ausländischen Universitäten dein LPA überhaupt anerkennt. Falls deine Wunschuniversität bzw. dein Wunschland nicht aufgelistet sein sollte, kannst du dies meist unkompliziert in die Wege leiten.

Zurück zu Brasilien: Ich habe mich an der LPA-Liste Düsseldorf orientiert und geschaut, welche Orte und Universitäten in Brasilien infrage kommen würden. Zusätzlich habe ich noch auf PJ-Ranking geschaut, Berichte weiterer Studierender gelesen und bin so auf Botucatu gestoßen. Die Auswahl an Orten und Partneruniversitäten war riesig, sodass ich mir vorher eine Übersicht mit Dingen gemacht habe, die mir wichtig waren – das waren Lehre, Sicherheit und Sprache. Die Lehre am Krankenhaus in Botucatu galt den Berichten zufolge als sehr gut – die Ärzt*innen haben die internationalen Studierenden genauso einbezogen wie die Studierenden vor Ort.

Zudem gilt Botucatu als eine der sichersten Städte im Bundesstaat São Paulo. Und zuletzt die Sprache – für mich persönlich war es wichtig, dass ich meine Portugiesischkenntnisse aktiv üben kann. Falls du dir bezüglich deiner Sprachkenntnisse Sorgen machst und im Notfall gerne auf Englisch zurückgreifen möchtest, würde ich dir empfehlen, ein anderes Krankenhaus zu wählen.

Botucatu war mir vorher kein Begriff, und doch sollte diese Stadt mir später fast wie ein Zuhause vorkommen. Sie liegt im Bundesstaat São Paulo, ca. 3-4 Stunden von der gleichnamigen Hauptstadt entfernt. Die Berichte aus dem PJ-Ranking waren allesamt positiv, sodass ich Mut fasste und mich dort bewarb. Dies lief zunächst über die Homepage der Universität – dort musst du Unterlagen wie ein Motivationsschreiben, Lebenslauf, Immatrikulationsbescheinigung und diverse Versicherungsnachweise einreichen.

In Kürze erhielt ich eine E-Mail von Romulo und Karina – den Zuständigen des International Offices der UNESP – Universidade Estadual Paulista – Campus de Botucatu. Romulo und Karina waren bei all meinen Fragen rund um Visa, Impfungen und auch Unterkunft sehr hilfsbereit.

Logo der Uni © Alisha Qamar
Alisha vor der Uni © Alisha Qamar

VISA: Stand 06/2025 – Für deutsche Staatsbürger*innen wird kein Visum benötigt. In meinem Fall bin ich aber auch nur zwei Monate geblieben. Es könnte sein, dass du bei einem ganzen Tertial von vier Monaten ein Visum beantragen musst.

Impfungen: Ich habe mich gegen Denguefieber, Tollwut, Meningokokken und Hepatitis A impfen lassen. Bitte lass dich hierzu bei reisemedizinisch spezialisierten Ärzt*innen beraten.

Unterkunft: Jeder in Botucatu kennt Agnes – sie vermietet Wohnungen an internationale sowie lokale Studierende. Eine weitere deutsche Studentin und ich haben in einem kleinen Haus mit zwei Studentinnen aus Botucatu und einer süßen Katze zusammengewohnt. Wir haben etwas außerhalb des Zentrums gewohnt, hatten aber alles Nötige direkt bei uns – Supermarkt, Apotheke, Açaí-Laden und kurze Wege zum schönen Campus der Universität Botucatu, auf dem man wunderbar spazieren gehen kann. Zum Krankenhaus sind wir mit dem Bus gefahren, in die Stadt entweder ebenfalls mit dem Bus oder mit dem Uber.

Krankenhaus

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Das Krankenhaus UNESP in Botucatu ist das größte Krankenhaus der Umgebung und versorgt sowohl Botucatu als auch die umliegenden Gebiete.

UNESP von draußen © Alisha Qamar

Vor Beginn des PJ fragte Romulo meine Präferenzen bezüglich der Rotationen ab. In Brasilien ist es üblich, entweder im wöchentlichen oder zweiwöchentlichen Rhythmus in eine neue Abteilung zu rotieren. So war ich in der Herz-Thorax-Chirurgie, der Kinderchirurgie und der sogenannten Head and Neck Surgery tätig.

Der OP-Trakt ist ein langer Flur mit über 15 Sälen. Wenn du nicht eingewaschen bist, darfst und sollst du von Saal zu Saal rotieren – das wird aktiv gefördert. So erhielt ich neben meinen regulären Rotationen auch spannende Einblicke in die Plastische Chirurgie, Orthopädie, Urologie und Gefäßchirurgie.

Die Herz-Thorax-Chirurgie war eine meiner eindrücklichsten Erfahrungen. In der Cafeteria erzählte mir ein brasilianischer Medizinstudent, dass viele seiner Kommilitoninnen die Herzchirurgie meist nur von der anderen Seite des OPs – nämlich durch die Glasscheibe – zu Gesicht bekommen hätten. Hineingehen dürfen nur wenige.
Umso mehr Glück hatte ich: Ich verstand mich vom ersten Tag an sehr gut mit dem Team, und meine Portugiesischkenntnisse wurden nicht nur gebraucht, sondern auch gefördert. Nur der Chef und drei Assistenzärztinnen sprachen Englisch, sodass ich von Tag 1 an aktiv Portugiesisch sprechen musste. Das Team war sehr herzlich und hat mich gut aufgenommen. Am Freitag fragte mich einer der Chirurgen, ob ich nicht zum gemeinsamen Mittagessen dazustoßen möchte: „On Fridays we always eat together – like a family.“

Einmal durfte ich mich einwaschen und direkt am OP-Tisch stehen. Besonders am OP liebe ich die Tatsache, dass eine offene Kinnlade sich gut hinter der Maske verstecken lässt. So stand ich da, während vor mir ein schlagendes Herz sichtbar wurde. Ich war gedanklich versunken in den Tiefen des offenen Thorax, als plötzlich die Chirurgin Júlia mich ansprach und fragte: „Have you ever held a beating heart? Do you want to hold it?“ Diese Chance ließ ich mir nicht entgehen. Und so stand ich da – mit schlagendem Herzen in meinen Händen, heruntergeklappter Kinnlade und einer strahlenden Júlia, die mich stolz ansah.

Auch die zu Beginn bestehende Sprachbarriere wurde schnell zur Chance, da sich die Krankenschwester Andrea die Zeit nahm, mir die Herz-Lungen-Maschine Schritt für Schritt in einfachem Portugiesisch zu erklären. Eine Chirurgin erzählte mir, dass das Krankenhaus im Vorjahr ziemlich hohe Infektionszahlen hatte. Das habe man als großes Warnsignal verstanden, und nach und nach fanden Hygienemaßnahmen wie Desinfektionsmittelspender ihren Platz in jedem OP-Saal. Sie sagte, das Krankenhaus sei als Maximalversorger personell und finanziell besser aufgestellt als viele andere in der Umgebung – und wolle mit gutem Beispiel vorangehen.

Die Zeit in der Herzchirurgie verging schneller als gedacht, und so rotierte ich weiter in die Kinderchirurgie. Im Team kümmerten sich Talitta, Victor und Eduardo um die internationalen Studierenden. Dort gab es regelmäßig spannende und auch emotional herausfordernde Fälle. Aufgrund der großen Unterschiede im Zugang zu Vorsorgeuntersuchungen und zum Gesundheitssystem ganz allgemein kamen viele Kinder mit Fehlbildungen wie einer Gastroschisis, Blasenekstrophie oder seltenen Gendefekten zur Welt. Während der morgendlichen Visiten durfte ich hinter die Kulissen des OPs blicken und die Familien kennenlernen, die ihre ganze Hoffnung in die Ärzt*innen setzten.

Auch in der Ambulanz war ich häufig dabei, wenn Kinder mit perkutaner Gastrostomie zur Kontrolle oder zum Wechsel kamen oder postoperative Nachsorge erhielten. In der Kinderchirurgie erlebte ich auch ungewöhnliche Situationen – wie etwa einen Stromausfall während eines Eingriffs. Alle, die nicht direkt am OP-Tisch standen, leuchteten mit ihren Handytaschenlampen auf das OP-Gebiet. Obwohl es nur wenige Sekunden dauerte, kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Dieser Moment war so eindrücklich und hat mir gezeigt, wie flexibel und engagiert das Team selbst unter schwierigen Bedingungen zusammenarbeitet.

Meine letzte Rotation war in der Head and Neck Surgery – einer Mischung aus HNO und MKG. Dort begleitete ich Sprechstunden, in denen Patient*innen mit Gesichtstumoren und Kieferverletzungen behandelt wurden. Ein- bis zweimal pro Woche fanden kleinere Operationen auch in einem weiter außerhalb gelegenen öffentlichen Krankenhaus statt.

Die gesamte Kommunikation im und außerhalb des Krankenhauses lief über WhatsApp, sodass ich oft spontan über anstehende Eingriffe informiert wurde und jederzeit mitgehen konnte – egal ob in den OP oder in die Ambulanz.

Neben den Studierenden vor Ort, die ich im OP, in der Cafeteria oder auf dem Campus kennenlernte, traf ich auch weitere internationale Studierende aus den USA und der Schweiz. Wir haben viel gemeinsam unternommen – innerhalb und außerhalb des Krankenhauses – abenteuerliche Wege zu Wasserfällen rund um Botucatu beschritten und uns intensiv ausgetauscht. Auch in dieser Hinsicht war das Praktikum ein großer Gewinn!

Vor dem Krankenhaus © Alisha Qamar

Leben in Botucatu

Botucatu hat unglaublich viel schöne Natur zu bieten. Wasserfälle (Cachoeiras) sind nicht weit entfernt und gut mit Uber zu erreichen – auch wenn der Weg manchmal abenteuerlich sein kann. Demetria ist ein liebenswerter Ort in der Nähe von Botucatu, mit einer kleinen Bücherei und gemütlichen Cafés. Auch die Innenstadt lädt mit kleinen Läden, Parks und Cafés zum Entspannen ein.

Dank des guten Kontakts zu meinen Mitbewohnerinnen integrierten sie mich schnell in ihre Freundesgruppe, sodass wir viele Abende gemeinsam in einer Studentenbar – der Saloon Bar – oder der Bar Pacheco direkt in unserer Straße verbrachten. Botucatu fühlte sich schnell wie Heimat an – die Stadt ist klein genug, um sich darauf verlassen zu können, dass der Busfahrer von gestern einen auch heute wieder mitnimmt, die Kassiererin im Supermarkt einen kennt und die Besitzer eines Açaí-Ladens freundlich grüßen und zuwinken.

Ausflug zu einem Wasserfall © Alisha Qamar
Cachoeira da Marta © Alisha Qamar
Sonnenuntergang Botucatu © Alisha Qamar

Fazit

Die Möglichkeit, in einem brasilianischen Krankenhaus zu arbeiten und mitzuerleben, wie man trotz und mit begrenzten Mitteln bestmöglich versucht, Hygienestandards einzuhalten und Herausforderungen wie Stromausfälle zu meistern, hat mich sehr geprägt.

Auch abseits der medizinischen Erfahrung hat Brasilien für mich einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Zufälligerweise fiel mein Praktikumszeitraum auch in die Zeit des brasilianischen Karnevals – eine einzigartige Erfahrung.

Die Offenheit und Herzlichkeit der vielen Menschen und Freunde, die ich dort kennenlernen durfte, die Wärme, das gute Essen und die vielen Eindrücke werde ich noch lange in guter Erinnerung behalten. Und jeder Auslandsaufenthalt – egal wie weit weg er sein mag – prägt. Du lernst, dich in einer neuen Situation, einem neuen Land, mit neuen Menschen und neuen Strukturen zu orientieren und deinen Platz zu finden – eine Eigenschaft, die, wie ich finde, unabdingbar ist in einem System wie der Medizin.

Häufige Fragen und Antworten

Für deutsche Staatsbürger*innen ist bei einem Aufenthalt von bis zu zwei Monaten kein Visum erforderlich. Bei einem kompletten PJ-Tertial (vier Monate) kann jedoch ein Visum notwendig sein. Es empfiehlt sich, dies vorab zu prüfen und gegebenenfalls rechtzeitig zu beantragen.

Im Artikel werden Impfungen gegen Denguefieber, Tollwut, Meningokokken und Hepatitis A erwähnt. Eine individuelle Beratung bei einer reisemedizinisch spezialisierten Ärztin oder einem Arzt ist dringend empfohlen, da die Anforderungen je nach Region variieren können.

Die Bewerbung erfolgt in der Regel über die Homepage der jeweiligen Universität. Benötigt werden unter anderem ein Motivationsschreiben, Lebenslauf, Immatrikulationsbescheinigung und Versicherungsnachweise. In Botucatu unterstützt das International Office (z. B. Romulo und Karina an der UNESP) bei Fragen zu Visa, Impfungen und Unterkunft.

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