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Medizinerinnen im Ausland

Arbeiten und Leben in Skandinavien

Anna N. Wolter

Viele Mediziner*innen träumen vom Auswandern – und Skandinavien mit Norwegen, Schweden und Dänemark steht dabei ganz oben auf der Liste. Ärztinnen und Ärzte profitieren dort von attraktiven Arbeitsbedingungen und hoher Lebensqualität. Doch die Schattenseiten werden oft übersehen.

Frau mit blonden Haaren und roter Mütze schaut auf die Lofoten.
© EVERST/stock.adobe.com - Stock photo. Posed by a model.

Viele Deutsche leiden an einer drolligen Krankheit: Kaum lässt man eine Bemerkung zum Thema Skandinavien fallen, bekommen sie einen verklärten Blick. Sie ­hal­luzinieren von roten Holzhäusern, blonden ­Menschen und idyllischen Landstrichen, in denen die Welt noch in Ordnung ist. Kurz: Sie leiden am „Bullerbü-Syndrom“. In „Wir Kinder von Bullerbü“ erleben Lasse, Inga, Ole und Co. eine Bilderbuchkindheit in einem kleinen schwe­dischen Dorf, bestehend aus drei roten Holzhäusern. Mit solchen Geschichten traf Astrid Lindgren genau den Nerv der Deutschen, die sich nach einem unbeschwerten Familienleben mit viel Natur sehnen – und prägte hierzulande das Klischee eines Skandinaviens als Prototyp einer heilen Welt. Doch ist das tatsächlich ein Klischee? Die skandinavischen Länder gehören auch 2025 im World Happiness Report zu den Spitzenreitern. Finnland führt seit mehreren Jahren die Rangliste an, dicht gefolgt von Dänemark, Schweden und Norwegen. Die Schweden sind nicht nur spitze im Verkaufen von billigen Möbeln, sondern auch beim Thema Gleichstellung der Geschlechter. Und in der norwegischen Volksseele ist neben der Liebe zur Natur auch der hohe Stellenwert der Vereinbarkeit von Familie und Beruf verankert. Kein Wunder also, dass viele deutschsprachige Mediziner*innen sehnsüchtig über die Ostsee blicken und vom Auswandern träumen. Doch ist das Leben als Ärztin oder Arzt dort oben wirklich besser als in Deutschland?

Ab nach Lappland

Tatsächlich sind die Arbeitsbedingungen in Skandinavien ausgesprochen attraktiv. Die drei Länder locken vor allem mit geregelten Arbeitszeiten. Hier wird keiner schief angeguckt, wenn er konsequent um 16.30 Uhr nach Hause geht. Wer Elternzeit nimmt oder sich öfter wegen seinem kranken Kind verspätet, erntet keine Karrierenachteile – sondern Verständnis. Wochenend- und Nachtdienste werden überdurchschnittlich vergütet – entweder durch zusätzliche freie Tage oder deutliche Gehaltszuschläge. Die genaue Höhe variiert je nach Region und Tarifvertrag. Ansonsten verdient man in skandinavischen Krankenhäusern nicht besser als hierzulande – das kaufkraftbereinigte Nettoeinkommen liegt heute bei schwedischen Ärztinnen und Ärzten mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung zwischen rund 35.000 und 40.000 Euro. In Deutschland sind es aktuell etwa 40.000 bis 45.000 Euro. In Norwegen sind die Gehälter zwar höher – die Lebenshaltungskosten aber auch!

Der Verdienst spielte bei Frank Moryäners Entscheidung, ins nordschwedische Lappland auszuwandern, allerdings sowieso keine große Rolle. Vielmehr hatten er und seine Freundin Meike genug von ihrer Arbeit in einem norddeutschen Krankenhaus. „Wir waren genervt von dem Hierarchiegetue. Alle wollten einem reinreden. Ich war nur ein Knecht, der Befehle ausführen musste“, erzählt der Auswanderer. Auf einer Messe in Hamburg ließen sie sich von schwedischen Headhuntern zu einem Besuch im „Dreikronenland“ einladen – und waren gleich überzeugt. Heute haben sie eine 40-Stunden-Woche und deutlich mehr Freizeit als früher. „Wenn ich hier an einem Sonntagnachmittag vier Stunden lang Bereitschaft habe, bekomme ich dafür als Ausgleich einen ganzen Tag lang frei. Damit kann ich gut leben“, erzählt er. Der Arzt lebt mittlerweile in Åsele, einer Gemeinde mit fast 3.000 Einwohnern in Nordschweden, und ist in einem staatlichen Gesundheitszentrum angestellt. Als Allgemeinmediziner ist er die erste Anlaufstelle für alle Patient*innen in seiner Gemeinde. Das nächste Krankenhaus liegt in der 100 km entfernten Stadt Lycksele, niedergelassene Fachärztinnen und -ärzte gibt es nicht. Viel Verantwortung für einen Arzt – und das auch noch in einem fremdsprachigen Land.

Doch die Schweden haben den Einstieg für das junge Paar leicht gemacht: „Das erste halbe Jahr hatten wir Zeit, die Sprache zu lernen und das neue System kennenzulernen“, erzählt Frank Moryäner. Dafür besuchten sie erst mal einen intensiven Sprachkurs. Im Anschluss daran begleiteten sie jeweils ihre ­Kolleg*innen und machten am Nachmittag immer ihre Schwedisch-Hausaufgaben. Erst nach dieser Eingewöhnungszeit hatten sie ihre ersten Patient*innen, für die sie sich jeweils eine Stunde Zeit nehmen durften. Die folgenden Jahre machten Frank und Meike ihre Weiterbildung in Allgemeinmedizin. Dafür mussten sie nicht, wie in Deutschland, einen starren Weiterbildungskatalog abarbeiten. Vielmehr überlegten sie zusammen mit einem Tutor, welche Seminare und Praktika für ihre Arbeit als Allgemeinmediziner in einem dünnbesiedelten Gebiet sinnvoll sind, z. B. Geburtshilfe oder Notfallmedizin. Die Praktika absolvierten sie in verschiedenen Krankenhäusern des Landes, u. a. an der Uniklinik in Umea. Dafür mussten sie manchmal mehrere Monate aus Åsele fort. Um eine neue Wohnung mussten sie sich aber nie kümmern – die wurde von der Klinik gestellt.

Franks Patient*innen hatten nie ein Problem damit, dass sein Schwedisch anfangs noch etwas holprig war. Sie waren froh, überhaupt einen festen Arzt zu haben. Denn Lappland steht weder bei schwedischen noch bei ausländischen Mediziner*innen auf der Wunschliste besonders weit oben. Frank kann das nicht verstehen: „Hier im Norden können wir so viel draußen machen. Von Langlauf über Hundeschlittenfahren bis zum Snowkiten. Das Freizeitangebot ist riesig. Klar, die Winter sind dunkel und lang. Dafür haben wir leuchtend weißen Schnee und kein graues Schmuddelwetter. Und als Klinikarzt in Deutschland sieht man die Sonne im Winter auch nur selten.“

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Kommunikation auf Augenhöhe

Nicht nur die Winter sind kalt im Norden. Auch den Skandinaviern sagt man nach, unterkühlt zu sein. Trotzdem: Die Kommunikation am Arbeitsplatz funktioniert tadellos. Frank fand in seiner Weiterbildung immer ein offenes Ohr. Auch der Kontakt mit seinen Kolleg*innen im Krankenhaus in Lycksele ist ausgesprochen positiv: „Wir telefonieren häufig mit den Ärzten im Krankenhaus, da wir immer wieder Fragen haben oder ein Radiologe oder Orthopäde ein Röntgenbild beurteilen muss. Das Miteinander ist sehr wertschätzend. Da behandelt mich keiner von oben herab und belehrt den kleinen Allgemeinmediziner. Hier läuft alles auf Augenhöhe.“ Generell gilt es in Skandinavien als unfein, sich für etwas Besseres zu halten oder sich mit Titeln oder Positionen hervorzutun. Hier wird, bis auf den König, jeder geduzt. Norwegen steht Schweden diesbezüglich in nichts nach. „In Norwegen prahlt keiner mit seinem Gehalt“, sagt Wolfgang Wannoff, Geschäftsführer der Vermittlungsagentur Panacea4U. Der Ham­burger hilft mit seiner Firma, deutschen Ärztinnen und Ärzten ­in Norwegen und Schweden Fuß zu fassen, und kennt die Ge­pflogenheiten der Wikingernachfahren sehr gut. „Selbst ein Chefarzt würde seinen Titel nicht erwähnen, wenn er sich vorstellt. Außerdem vermeidet man in Norwegen in Besprechungen harte Konfrontationen und versucht immer, einen Konsens zu finden.“

Zum guten Miteinander gehören dabei auch die regelmäßigen Kaffeepausen – „fika“ auf Schwedisch. Bei Frank ist „fika“ fester Teil des Tagesplans. Täglich zwei feste Kaffeepausen und eine geregelte Mittagspause, die nur selten dem vollen Terminplan zum Opfer fallen? Im deutschen Klinikalltag fast undenkbar. Doch im Norden ticken die Uhren langsamer. Das stellte auch Saskia Helm bei ihrem Chirurgie-Tertial in Trondheim fest: „Auf die Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachkräfte kommen in Norwegen im Schnitt viel weniger Patient*innen als in Deutschland. So hatte ich mehr Zeit für meine Arbeit und konnte das Gelernte in Ruhe reflektieren.“ Vor allem für „alte Hasen“ aus Deutschland kann das ge­mäßigte Arbeitstempo der Nordlichter ge­wöhnungsbedürftig sein. Wolfgang Wannoff warnt: „Auch die Kommunikation läuft dort anders. In Besprechungen wird immer erst über Privates gesprochen, zum Beispiel, wie das Wochenende war oder wie es den Kindern geht. Ich habe schon deutsche Oberärzte erlebt, die sich darüber ärgerten und schneller zur Sache kommen wollten. Das funktioniert dort nicht.“

Warten auf die Krebs-OP

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Wenn Privatgespräche vor Besprechungen das Einzige wären, an das sich deutsche Ärztinnen und Ärzte gewöhnen müssten, dann wäre Europas Norden tatsächlich ein Paradies für Mediziner*innen. Doch es gibt eine Kehrseite: Auch wenn Skandinavien Vorreiter in der Kinderbetreuung und Geschlechtergleichstellung ist – in der Patientenversorgung ist e das nicht. Das liegt an einem sehr starren Versorgungssystem. Jede*r Bürger*in „gehört“ zu einem bestimmten Gesundheitszentrum und sollte sich zunächst nur an dieses wenden. Die freie Arztwahl gibt es zwar theoretisch – doch in der Praxis funktioniert sie nicht immer reibungslos. Außerdem gibt es fast keine niedergelassenen Fachärztinnen und Fachärzte und wenn, haben sie eine lange Warteliste. Chronisch kranke Patient*innen durch immer dieselbe Fachärztin oder denselben Facharzt kontinuierlich betreuen zu lassen, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Dafür liegen die Termine einfach zu weit auseinander. Generell sind die langen Wartezeiten eines der Hauptprobleme in den skandinavischen Gesundheitssystemen. Das erlebte auch Saskia: „Wir hatten Patient*innen, bei denen der Verdacht auf eine maligne Erkrankung bestand. Doch sie mussten auf einen CT-Termin sechs Wochen warten.“ Und selbst wenn die Dia­gnose Krebs gestellt wird – schnell in den OP geht es selten. Lange Wartezeiten sind ein Problem. Bei elektiven Eingriffen wie Prostataoperationen beträgt die Wartezeit in manchen Regionen mehrere Monate. Trotz Reformbemühungen bleibt die Versorgung in dünn besiedelten Gebieten angespannt.

Und nicht nur die Wartelisten für operative Eingriffe sind lang, auch die Notaufnahmen sind häufig überlastet. Der Grund: Kommt die zuständige Hausarztpraxis nicht weiter, wird die Patientin oder der Patient ins Krankenhaus in die Sprechstunde einer Fachdisziplin oder in die Notaufnahme überwiesen. Dazu kommen noch weitere Patient*innen, die gar nicht erst in ihrer Hausarztpraxis vorbeischauen, sondern sich direkt im Krankenhaus vorstellen. Um diese abzufangen, gibt es deshalb eine Hotline, an der eine Pflegefachkraft rund um die Uhr versucht, die Ernsthaftigkeit einer Erkrankung abzuschätzen. Sie rät den Patient*innen dann entweder, abzuwarten und den nächstmöglichen Arzttermin wahrzunehmen oder sich in der Notaufnahme vorzustellen. Ein gefährliches System: In mehreren Fällen kam es bereits zu tödlichen Komplikationen, nachdem zum Abwarten geraten wurde.

Ergo: gute Alternative – kein Paradies

Deutschsprachige Ärztinnen und Ärzte, die von einer Zukunft in Dänemark, Schweden oder Norwegen träumen, sollten sich diese Rahmenbedingungen bewusst machen. Und auch die anderen Bereiche der skandinavischen Lebenswelt sind weit davon entfernt, perfekt zu sein. Auch auf Stockholms Straßen kommt es zu brutalen Gewaltdelikten, und die großen Betonvorstädte rund um Malmö oder Göteborg haben wenig mit dem Schweden-Idyll der Inga-Bergström-Filme zu tun. Dazu kommen hohe Steuern und Lebenshaltungskosten. Ein Bier in Oslo kostet inzwischen oft über zehn Euro. Und in einem abgelegenen Dorf nördlich des Polarkreises muss man sich auf dunkle, einsame Winter einstellen. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, hat gute Chancen auf eine Stelle in Skandinavien. Denn wie in Deutschland herrscht auch im Norden Ärztemangel. Besonders gefragt sind Allgemeinmediziner*innen, Psychiater*innen und Fachärztinnen und -ärzte für Innere Medizin. In ländlichen Regionen besteht weiterhin ein hoher Bedarf an Ärztinnen und Ärzten, da viele in den Ruhestand gehen. Allerdings gibt es nicht ganz so viele offene Stellen wie hierzulande – immerhin sind die skandinavischen Länder deutlich kleiner als Deutschland. Besonders begehrt sind Allgemeinmediziner*innen für die dünn be­siedelten Gebiete im Norden, wo immer mehr Ärztinnen und Ärzte in Rente gehen. In Åsele müssen sich die Bewohner*innen jedoch erst mal keine Sorgen um die Zukunft ihrer medizinischen Versorgung machen. Frank und Meike können sich nicht vorstellen, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Erst letztes Jahr kauften sie sich einen kleinen Bauernhof, bestehend aus drei roten Holzhäusern. Ganz so wie in Bullerbü.

Häufige Fragen und Antworten

Skandinavische Länder wie Schweden, Norwegen und Dänemark bieten geregelte Arbeitszeiten, großzügige Vergütung für Dienste, flache Hierarchien und eine hohe Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Kaffeepausen („Fika“) und respektvolle Kommunikation gehören zum Berufsalltag.

Die Weiterbildung ist flexibler als in Deutschland. Statt eines starren Katalogs wird gemeinsam mit einem Tutor ein individueller Plan erstellt, der auf die Bedürfnisse der Region und der Ärztin oder des Arztes abgestimmt ist – etwa mit Praktika in Geburtshilfe oder Notfallmedizin.

Ja. Lange Wartezeiten für Diagnostik und Operationen, ein starres Zuweisungssystem zu Gesundheitszentren und wenige niedergelassene Fachärztinnen und Fachärzte können die Patientenversorgung erschweren. Auch hohe Lebenshaltungskosten und dunkle Winter sollten bedacht werden.

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