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Einblicke

Suizidalität bei Medizinerinnen und Medizinern

Melanie Hüttemann

Mag sein, dass Mediziner*innen mehr verdienen, als der akademische Durchschnitt. Doch was ist alles Geld der Welt wert, wenn Mediziner*innen aufgrund der immensen Arbeitsbelastung psychisch krank werden, sich im schlimmsten Fall sogar das Leben nehmen?

Symbolbild traurige Frau
© Voyagerix/stock.adobe.com - Stock photo. Posed by a model.

Von außen betrachtet gilt der ärztliche Beruf als privilegiert: gesellschaftlich anerkannt, intellektuell anspruchsvoll, finanziell abgesichert. Doch eine aktuelle Metaanalyse (BMJ. 2024 Aug 21:386:e078964. doi: 10.1136/bmj-2023-078964.), veröffentlicht im British Medical Journal, wirft einen differenzierteren Blick auf die psychische Gesundheit von Mediziner*innen – und zeigt, dass insbesondere Ärztinnen ein erhöhtes Risiko für Suizid tragen.

Das Forschungsteam um Claudia Zimmermann und Eva Schernhammer wertete 39 Studien aus 20 Ländern aus, die zwischen 1935 und 2020 Suizide unter Ärztinnen und Ärzte dokumentierten. Insgesamt wurden Daten zu 3.303 männlichen und 587 weiblichen Mediziner*innen analysiert. Ziel war es, die altersstandardisierten Suizidraten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung und zu anderen akademischen Berufsgruppen zu untersuchen.

Ein differenziertes Bild

Die Ergebnisse zeigen ein ambivalentes Bild: Während männliche Ärzte mit einer Suizidrate-Ratio (SRR) von 1,05 statistisch nicht signifikant häufiger betroffen sind als Männer in der Allgemeinbevölkerung, liegt die SRR bei Ärztinnen bei 1,76 – ein deutlich erhöhtes Risiko. Im Vergleich zu anderen akademischen Berufsgruppen weisen männliche Ärzte ebenfalls eine erhöhte SRR von 1,81 auf.

Diese Zahlen sind nicht neu, aber sie bestätigen, was in Fachkreisen seit Jahren diskutiert wird: Der ärztliche Beruf bringt spezifische Belastungen mit sich, die sich nicht allein durch Arbeitszeit oder Verantwortung erklären lassen. Der Zugang zu potenziell letalen Substanzen, die hohe Erwartung an Selbstkontrolle und die oft internalisierte Vorstellung, Hilfe nicht in Anspruch nehmen zu dürfen, sind nur einige der Faktoren, die das Risiko erhöhen können. Bei Ärztinnen kommt häufig noch hinzu, dass sie eine Doppelbelastung durch Beruf und familiäre Verantwortung erleben. Die Vereinbarkeit von Klinikalltag und Care-Arbeit ist oft schwierig, insbesondere in einem System, das wenig Flexibilität bietet.

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Zeitliche und regionale Entwicklungen

Die Metaanalyse zeigt, dass die Suizidraten unter Ärztinnen und Ärzten über die Jahrzehnte tendenziell gesunken sind. Neuere Studien weisen auf eine geringere SRR hin als ältere, was darauf hindeutet, dass Kliniken mehr in Prävention und Sensibilisierung investieren. Auch deutsche Universitäten bereiten ihre Studierenden immer mehr auf die Arbeitsbelastung vor, bringen ihnen Bewältigungsmöglichkeiten und Vorbeugemaßnahmen bei.

Fazit

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Ihrer eigenen seelischen Gesundheit zu Liebe sollten sich Ärztinnen und Ärzte nicht uneingeschränkt für ihre Patientinnen und Patienten und ihren Arbeitgeber aufopfern – die Arbeit darf nicht der einzige Lebensinhalt und Lebenssinn sein. Es ist von immenser Wichtigkeit, dass Ärztinnen und Ärzte trotz ihrer anstrengenden und zeitintensiven Arbeit Freundschaften und Partnerschaften nicht vernachlässigen.

Häufige Fragen und Antworten

Die Daten deuten darauf hin, dass Ärztinnen ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.

Die Metaanalyse zeigt, dass Ärztinnen ein signifikant erhöhtes Risiko für Suizid haben. Die Ursachen sind komplex: Neben berufsspezifischem Stress spielen auch strukturelle und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. Viele Ärztinnen erleben eine Doppelbelastung durch Beruf und Familie, haben eingeschränkten Zugang zu psychologischer Hilfe und sind mit einer Kultur konfrontiert, in der psychische Erkrankungen stigmatisiert werden. Zudem zeigen Studien, dass Frauen häufiger internalisierende Symptome wie Depressionen entwickeln, was das Risiko zusätzlich erhöhen kann.

Prävention beginnt mit Enttabuisierung. Psychische Gesundheit muss auch im ärztlichen Beruf offen thematisiert werden – ohne Angst vor beruflichen Konsequenzen. Dazu gehören niederschwellige, vertrauliche Unterstützungsangebote, flexible Arbeitszeitmodelle und eine Kultur, die Hilfe zulässt. Besonders wichtig ist es, geschlechtsspezifische Belastungen zu erkennen und gezielt zu adressieren, etwa durch familienfreundliche Strukturen und Mentoring-Programme. Die Studie zeigt: Fortschritte sind möglich – aber sie erfordern systemische Veränderungen.

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