Stereotypen im Test
Bauchchirurg*innen lieben den schnellen Schnitt, Anästhesist*innen ihren Kaffee, Radiolog*innen die Dunkelheit und Plastische Chirurg*innen ihr Spiegelbild … Vorurteile über die verschiedenen Fachrichtungen gibt es zuhauf – oft geschürt durch die Ärzte oder Ärztinnen selbst. Ist das nur Neckerei oder steckt mehr dahinter? Wir haben bei Vertreter*innen von sechs beliebten „Zünften“ nachgefragt.

Chirurgen und Chirurginnen
sind die Ärzte und Ärztinnen fürs Grobe, und ihre einzige Therapieoption besteht darin, im Körper anderer Menschen mit Messern, Haken und Pinzetten zu wühlen. Sie visitieren ihre Patient*innen in Rekordzeit und zeigen sich ungern empathisch – insbesondere gegenüber ihrem „Erzfeind“, dem Anästhesisten oder der Anästhesistin.
Dr. Janina Kosan, Chirurgin aus Hamburg: „Natürlich ist unser Kerngeschäft das Operieren. Und dadurch bleibt im Vergleich zu anderen Disziplinen tatsächlich häufig weniger Zeit für Visiten oder Gespräche. Das hohe Arbeitsaufkommen tut da oft noch sein Übriges. Ärzte und Ärztinnen fürs Grobe sind wir aber sicher nicht. Im Gegenteil: Als Chirurg oder Chirurgin ist man eher Spezialist*in für die feinen Strukturen und braucht viel Fingerspitzengefühl. Zumindest für meine Klinik kann ich auch sagen, dass wir uns – trotz aller Arbeit – sehr bemühen, jeden Tag Zeit für den einzelnen Patienten oder die einzelne Patientin zu finden. Und mit den Kolleg*innen aus der Anästhesie waren wir neulich nach Feierabend sogar ein Bier trinken.“
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Internisten und Internistinnen
sind die Theoretiker*innen unter den Medizinern und Medizinerinnen. Keiner schafft es besser, Patient*innen mit Fachbegriffen zu verwirren. Sie gucken mehr auf die Laborparameter als auf den Patient*innen, haben zwei linke Hände, sortieren akribisch Symptome in die Klassifizierungssysteme von NYHA bis GOLD und sind erst zufrieden, wenn sie für jedes Symptom das passende Medikament gefunden haben.
Dr. Burkhard Hagmann, Internist in Brandenburg: „Viele Ärzte und Ärztinnen aus der Inneren Medizin sind in der Tat sehr gut darin, Befunde zu interpretieren und Therapieoptionen gegeneinander abzuwägen. Freund*innen tatkräftiger Entscheidungen sind sie im Allgemeinen nicht. Manche behaupten sogar, wir würden oft nur die Zeit überbrücken, bis die Natur sich selber hilft. Ich bin mir aber sicher, dass wir Internisten auch praktisch ganz viel bewirken können – nicht zuletzt durch die interventionelle Endoskopie und Kardiologie. Zudem sind wir unverzichtbare Ansprechpartner*innen und Vermittler*innen für andere Fachrichtungen. Und eine*r muss ja schließlich das Denken übernehmen!“
Anästhesisten und Anästhesistinnen
erkennt man woran? Genau: an den Kaffeeflecken auf ihrem Kittel. Und warum steckt man einem toten Anästhesisten oder einer toten Anästhesistin noch rasch die Hände in die Tasche? Richtig: damit man sein Ableben als Arbeitsunfall einstufen kann. Zum Totlachen, oder? „Witze“ wie diese müssen sich die „Schlafmacher“ seit Generationen anhören.
Kira Erber, Anästhesistin, Lübeck: „Ich mag Kaffee zwar ganz gerne. Aber ich arbeite genauso lang und intensiv wie meine Kolleg*innen aus anderen Fachrichtungen – und das bei einem ganz ehrlich nicht überdurchschnittlichen Koffeinkonsum. Natürlich ist es von Vorteil, dass wir Narkoseärzte – im Gegensatz zu den Operateuren und Operateurinnen – während der Überwachung unserer Patient*innen im OP sitzen dürfen und uns dabei auch schon um die Dokumentation kümmern können. Von gemütlicher Lounge-Atmosphäre jenseits der Sterilzone kann aber keine Rede sein. Egal ob im OP oder auf Intensivstation: Wir müssen immer hundert Prozent konzentriert sein, damit wir im Notfall sofort eingreifen können.“
Neurologen und Neurologinnen
sind die Intellektuellen unter den Ärzten und Ärztinnen, wobei sie ihre Begabung für logisches Denken durch einen Mangel an Empathie kompensieren. Nennt man ihnen eine Palette diverser sensorischer, motorischer und kognitiver Defizite, leiten sie daraus treffsicher die Diagnose ab. Zudem sind sie ständig in Habachtstellung: Kommt ein Patient oder eine Patientin mit Schlaganfall, rennt die ganze Abteilung, bis die Lyse appliziert ist.
Anja Drenckhahn, Neurologin, Potsdam: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass der IQ von Neurologen und Neurologinnen nicht über dem anderer Ärzte und Ärztinnen liegt – und der Empathie-Pegel auch nicht darunter. Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems sind für viele Disziplinen aber wie eine Blackbox. Da gilt gern mal die Regel: Alles, wo man nicht weiterkommt, ist neurologisch! Und wenn dann der Neurologe oder der Neurologin eine Diagnose präsentiert, wird das natürlich mit Bewunderung bedacht – obgleich das für den Neurologen/die Neurologin eigentlich keine große Leistung ist. Auch dass wir ständig auf Notfälle warten, stimmt nicht. Akut-Schlaganfälle sind eher selten. Das Lyse-Zeitfenster* ist oft schon überschritten. Und dann kann (und muss) man die Behandlung ruhig angehen – auch auf der Stroke Unit.“
Kinderärzte und Kinderärztinnen
haben von „echter“ Medizin wenig Ahnung. Anstatt mit weißem Kittel und Stethoskop arbeiten sie mit lustigem T-Shirt und Kuscheltier. Ernste Erkrankungen sind in diesem Fach äußerst selten. 90% der Patient*innen haben nur Schnupfen, kommen zum Impfen – oder sind gar nicht krank.
„Tatsächlich werden wir Pädiater und Pädiaterinnen oft gar nicht als Ärzte und Ärztinnen ernst genommen. Manche sagen, wir würden ja nur Spieluhren aufziehen. Dabei ist es eine enorme Herausforderung, auf die speziellen Bedürfnisse der Kinder und ihrer Eltern einzugehen. In unserer täglichen Routine müssen wir schon auch mal Tritte bei der Blutentnahme wegstecken oder die völlig übernächtigte Mutter beschwichtigen, die auf der Krankenhausliege nicht schlafen kann. Richtig ist, dass der Spaßfaktor bei uns nicht zu kurz kommt. Ich kriege so oft tolle gebastelte Sachen geschenkt. Und bei der Visite sind nicht nur die Leiden der Kleinen Thema, sondern auch die Neuigkeiten von Cars oder Spiderman.“
Ophthalmologen und Ophthalmologinnen
sind so eine Art Optiker und Optikerinnen mit Approbation. Jenseits der Orbita endet ihr Wissen – und ihr Interesse. Deswegen kann man das Fach fürs Examen auch problemlos in einem Tag lernen.
„Viele Kolleg*innen halten die Augenheilkunde für ein sehr begrenztes Fach. Das ist sie aber keineswegs. Augenleiden sind sehr häufig Teil von Allgemein- oder Systemerkrankungen. Daher sind fundierte internistische Kenntnisse unverzichtbar. Nicht selten stellt der Ophthalmologe dabei die Erstdiagnose und muss weitere Diagnostik und Therapien in die Wege leiten. Wer das Fach also aufgrund seiner scheinbaren Überschaubarkeit wählt, sollte dringend seine eigene Sichtweise schärfen!“
Stereotypen sind vereinfachte Vorstellungen über Gruppen oder Personen. Sie entstehen durch soziale Prägung, kulturelle Einflüsse und den Wunsch, komplexe Informationen schnell einzuordnen.
Stereotypen beeinflussen unsere Wahrnehmung, Entscheidungen und Kommunikation. Sie können zu Vorurteilen führen und die Objektivität im beruflichen und privaten Umfeld beeinträchtigen.
Der erste Schritt ist Bewusstsein: Hinterfragen Sie Ihre Denkmuster und reflektieren Sie Situationen kritisch. Austausch mit anderen und gezielte Weiterbildung helfen, stereotype Denkweisen zu reduzieren.