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Einblicke

„Ich hatte auch Glück“ - Wie Dr. Feist mit 33 Jahren Chefärztin wurde

Julia Hecht

Annett Feist fasziniert vor allem die operative Seite der Frauenheilkunde, und sie greift dabei auch zu alternativen Behandlungsmethoden. Die Gynäkologin leitet seit Anfang des Jahres ein neu gegründetes Operationszentrum in Reichenbach im Vogtland. Wir sprachen mit ihr darüber, wie es ist, als junge Mutter Chefärztin zu werden und was sie sich von ihrer neuen Stelle erhofft.

Chefärztin Frau Dr. Annett Feist, Foto: Julia Hecht
Julia Hecht

Frau Dr. Feist, wie sind Sie zur Medizin gekommen?

Woher dieser Wunsch kam, weiß ich zwar nicht, aber etwas anderes als Ärztin wollte ich nie werden! Ich bin in der DDR aufgewachsen, und schon ab der 4. Klasse mussten wir zusammen mit den Eltern halbjährlich ein Formular mit unserem Berufswunsch ausfüllen. Bei mir stand da immer Ärztin.

Warum haben Sie sich für die Gynäkologie entschieden?

Schon während meines Studiums in Leipzig war klar, dass ich ein chirurgisches Fach ergreifen möchte. Augenheilkunde und HNO haben mich sehr interessiert, waren mir aber letztlich zu kleinteilig. Meine Weiterbildung habe ich dann in der Chirurgie begonnen. Dass man es da als Frau alles andere als leicht hat, habe ich ziemlich schnell gemerkt. Meine Famulaturen in der Gynäkologie waren immer spannend, und deshalb habe ich zu diesem Fach ans Städtische Klinikum in Hof gewechselt – vor ­allem wegen der Opera­tionen.

Sie haben Ihre Facharztausbildung in nur 5 Jahren absolviert und sind anschließend sehr schnell aufgestiegen – wie haben Sie das gemacht?

Ich muss zugeben: Ich hatte Glück, dass ich während meiner Weiterbildungszeit immer viel operieren durfte und den OP-Katalog schnell erfüllen konnte, weil sich die anderen Assistent*innen eher für die Geburtshilfe interessierten. Direkt nach dem Facharztabschluss bin ich dann Oberärztin geworden und bald darauf erste Oberärztin weil mein Vorgänger in den Ruhestand ging. Er hatte mich während meiner Weiterbildung ausgezeichnet angeleitet, und so konnte ich das operative Spektrum sehr gut abdecken.

Drei Jahre später waren Sie schon Chefärztin. Wie kam das?

Im Frühjahr 2007 rief mich die Geschäftsleitung an – ich war gerade in Elternzeit – und bot mir die Stelle an. Der frühere Chef­arzt war nicht mehr zur Arbeit erschienen. Die Mitarbeiter*innen der Abteilung waren einstimmig der Meinung, ich sollte den Posten übernehmen. Ich fühlte mich zuerst etwas überrumpelt: Schließlich hatte ich gerade erst ein Kind bekommen, und das ist natürlich eine extreme Umstellung. Letztlich haben wir uns darauf geeinigt, dass ich es versuche, aber wenn es nicht funktionieren sollte, hätte ich in den folgenden 3 Jahren wieder auf meine alte Oberarztstelle zurückkehren können.

Ging der Sprung ins kalte Wasser gut aus?

Irgendwie ist die Zeit vergangen, und es lief alles rund. Das lag sicher auch daran, dass ich die Strukturen und die Mitarbeiter*innen seit Jahren kannte und genau einschätzen konnte. Außerdem waren wir ein hervorragendes Team. Mir ist wichtig, Arbeiten breit zu verteilen, sodass sich jede*r wertgeschätzt fühlt und weiß, dass er für das Team wichtig ist. Damit bin ich gut gefahren.

War es schwierig, Kinderbetreuung und Arbeit unter einen Hut zu bekommen?

Ich wohne seit Jahren in einem kleinen Dorf in der Nähe von Reichenbach, und dort gibt es – zum Glück – eine gute Infrastruktur im Bereich der Kinderbetreuung. Es war nie ein Problem, einen Krippen- oder Kindergartenplatz zu bekommen. Außerdem ist mein Vater damals in Altersteilzeit gegangen und konnte aushelfen.

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie für die Karriere etwas aufgeben mussten?

Damals nicht. Aber mein Sohn ist letztes Jahr eingeschult worden, und jetzt im Nachhinein habe ich schon das Gefühl, ­einen Teil seiner Kleinkindzeit verpasst zu haben. Ich rate jeder berufstätigen Frau, die Zeit mit ihrem Neugeborenen so lange wie möglich zu genießen!

Was verbirgt sich hinter dem Konzept der ganzheitlichen Frauenheilkunde, das Sie in Hof eingeführt haben?

Fast in jedem Kreißsaal finden Sie heute zwar Aromatherapie und Homöopathie, aber wir haben ausprobiert, wie man den Frauen darüber hinaus helfen könnte. So haben wir naturheilkundliche Verfahren nach und nach z. B. auf die Gynäkologie ausgeweitet. Alle Patientinnen bekommen nach Operationen Globuli zur Wundheilung. Wir setzen u. a. Homöopathie, Mistel­therapie, Akupunktur und Akupressur ein, und machen sehr gute Erfahrungen damit. Johannes Wilkens, ein Naturheilkundler aus der Region, hat uns dabei unterstützt, Behandlungen für verschiedenste Beschwerden zu erstellen.

Was versprechen Sie sich von Ihrer ­neuen Stelle in Reichenbach?

In Hof hatte ich oft das Gefühl, gerade für die onkologischen Patientinnen nicht genügend Zeit zu haben. Häufig kamen Patienten- und Angehörigengespräche zu kurz. Ich bin abends aus der Klinik gegangen und hatte immer den Eindruck, nicht so mit meiner Arbeit fertig zu sein, dass ich zufrieden war. Das ist in einem kleinen Haus wie hier anders: Wir operieren nur an bestimmten Tagen, an den anderen können wir uns in Ruhe um die Patientinnen kümmern. Natürlich sind alle Patient*innen wichtig, aber gerade die onko­logischen wachsen einem ans Herz.

Im Mai 2014 hat der Träger der Klinik die Geburtshilfe in Reichenbach geschlossen. Weshalb?

Es war u. a. ein anästhesiologisches Pro­blem: Bei weniger als 300 Geburten im Jahr permanent nachts 2 Anästhesisten vorzuhalten, kann eine Klinik dieser Größe nicht sicherstellen. Wenn es zu einem geburtshilflichen Notfall kommt, ist es außerdem wichtig, eine Kinderklinik vor Ort zu haben. Das war hier nicht der Fall.

Was halten Sie von der Entscheidung?

Als jemand, der eine Abteilung mit 750 Geburten jährlich geleitet hat, kann ich den Schritt nachvollziehen. Ich hätte die Verantwortung nicht tragen wollen! Für die Stadt ist es sicherlich nicht schön, aber vernünftig. Ich denke, der Chefärzt*innenwechsel war ein guter Zeitpunkt, das zu beschließen. Ich hatte dadurch die Gelegenheit, die Neugestaltung des Operationszentrums zu beeinflussen: Die alten Kreißsäle wurden z. B. umgebaut und neue Wände für zusätzliche Räume eingezogen. Außerdem bin ich sehr froh, dass ich 2 Mitarbeiter*innen mitbringen konnte: meinen ersten Oberarzt – wir verstehen uns blind, wenn wir operieren – und eine Arzthelferin, eine wahre Fee. Die beiden wohnen in Hof, und als der Wechsel feststand, sagte der Oberarzt: „Du bist 15 Jahre für uns gependelt, jetzt pendeln wir für dich.“

Haben Sie einen Tipp für den ersten Tag auf einer neuen Station?

Man fährt immer gut damit, den Kontakt zu den neuen Kolleg*innen zu suchen. Es zahlt sich aus, einmal die Runde zu machen und sich vorzustellen – auch wenn es einem als Neuling unangenehm ist.

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Häufige Fragen und Antworten

Frau Dr. Feist wollte schon als Kind Ärztin werden. Obwohl sie nicht weiß, woher dieser Wunsch genau kam, füllte sie bereits ab der 4. Klasse – in der DDR üblich – regelmäßig Formulare aus, in denen sie immer denselben Berufswunsch angab: Ärztin.

Während des Studiums war klar, dass sie ein chirurgisches Fach anstrebt. Nach ersten Erfahrungen in der Chirurgie – wo es Frauen oft schwer hatten – entschied sie sich aufgrund spannender Einsätze während ihrer Famulaturen für die Gynäkologie. Vor allem der operative Anteil überzeugte sie.

Sie profitierte davon, früh viel operieren zu dürfen und ihren OP‑Katalog schnell zu erfüllen. Nach dem Facharzt wurde sie direkt Oberärztin, später erste Oberärztin und schließlich – mitten in der Elternzeit – zur Chefärztin berufen. Ihr fachliches Können, die Unterstützung ihres Teams und gute Kenntnisse der Klinikstrukturen halfen ihr beim erfolgreichen Einstieg.

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