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München: Technische Universität

Schlechtes Abi = Schlechter Arzt?

Jana Schmidt

Flo ist Rettungsassistent, Notfallsanitäter, Praxisanleiter, Imker, Berufsfachschullehrer, Flight Medic und: Arzt. Seit Anfang 2024 arbeitet er in seinem Wunschberuf. Mit 37 Jahren ist er einer der ältesten Assistenzärzte und Assistenzärztinnen in seiner Klinik. 2009 hat er mit 20 Jahren sein Abitur bestanden, davor G9 und in der 11. Klasse eine Extrarunde gedreht. Flo’s schulische Leistungen waren eher „naja“. Aber was sagt das über seine Fähigkeiten als Arzt aus? Mein Eindruck: Nicht so viel, wie manche vielleicht denken würden.

Lernende Medizin Studentinnen und Studenten
© rh2010/stock.adobe.com - Stock photo. Posed by models.

Flo, in der Schule warst du nicht so wahnsinnig gut. Hast du eine eigene Theorie, woran das lag? Wie war dein Abischnitt?

Mein Abischnitt lag bei 3.0. Ich denke, der Hauptgrund war, dass ich mich viel um Dinge gekümmert habe, vor allem außerschulische Aktivitäten, die mich zwar im Leben weitergebracht haben, auf die es aber keine Noten gab. Dementsprechend hat die Zeit, die ich vielleicht fürs Lernen hätte verwenden sollen, ein wenig darunter gelitten. Etwas undiplomatischer ausgedrückt: Was die Schule angeht, war ich einfach eine faule Socke.

Hast du vor deinem Abitur schon gewusst, dass du gerne Medizin studieren würdest?

Ja, das habe ich etwa in der 10. Klasse beschlossen und habe dann auch vorm Abi schon ein wenig im medizinischen Bereich gejobbt.

Hatte dieses Wissen einen Einfluss auf deine Schullaufbahn?

Leider nicht [lacht]. Das hätte mir wohl ein bisschen Zeit erspart. Ich habe trotzdem meine Priorität nicht auf die schulischen Aktivitäten verschoben. Deshalb hatte das wohl keinen so großen Einfluss, wie es eventuell hätte haben sollen.

Warst dir bewusst, dass das Konsequenzen für deine Bewerbung haben könnte?

In dem Moment habe ich da noch nicht so viel drüber nachgedacht. Mir war klar, dass ich keinen 1,6er Schnitt, oder was auch immer damals der NC war, schaffen würde, auch mit Anstrengung nicht. Deswegen habe ich mir eigentlich keine weiteren Gedanken darüber gemacht.

Hast du dich direkt nach dem Abi beworben?

Ja, unmittelbar danach.

Wie ging es dann weiter? Hattest du einen Plan B oder war alles nur Zufall?

Nicht wirklich. Ich habe einfach versucht, die Zeit möglichst sinnvoll zu überbrücken und eine Ausbildung zum Rettungsassistenten gemacht. In dem Job habe ich dann lange gearbeitet und verschiedenste Sachen gemacht. Für mich gab es aber keine wirkliche Alternative zum Studium, weil es eben das war, was ich schon lange machen wollte und wobei ich auch das Gefühl hatte, dass mir insbesondere der Umgang mit den Patient*innen gut liegt und viel Freude bereitet. Ich wollte das Studium also unbedingt machen, auf welchem Weg auch immer.

Und wann und wie bist du dann letztlich ins Studium reingekommen?

Meine Zulassung habe ich nach 16 Wartesemestern bekommen. Das müsste also im Wintersemester 2017 gewesen sein.

Wie haben Freund*innen und Familie reagiert?

Ich hatte den Eindruck, dass insbesondere mein Vater ein wenig ungläubig war, dass ich es überhaupt bis dahin durchgezogen habe. Aber es haben sich schon alle gefreut, für mich und mit mir. Es war eben eine sehr lange Wartezeit und ich glaube, dass sich nicht alle in meiner Familie und im Freundes- und Bekanntenkreis sicher waren, ob ich das Studium auch wirklich durchziehen würde. Es ist ja eine gehörige Umstellung aus einer Vollzeitberufstätigkeit nochmal in ein Studium zu wechseln, sei es bezüglich der Lerntechniken oder des finanziellen Aufwands und vieler anderer Dinge. Das war auch definitiv eine Herausforderung und eine gewisse Skepsis konnte ich nachvollziehen. Letztlich haben mich aber alle immer unterstützt und standen voll hinter mir und meiner Entscheidung.

Und was haben andere Menschen dazu gesagt? Gab es Reaktionen, die dir im Gedächtnis geblieben sind?

Grundsätzlich gab es viele Reaktionen auf meine lange Wartezeit, allerdings eher überraschter und verwirrter Natur, warum ich denn so lange gewartet habe und keinen alternativen Karriereweg eingeschlagen habe. Außerdem hatte ich vor langer Zeit mal eine Korrespondenz mit einer nun ehemaligen bayerischen Ministerin, die öffentlich klar gesagt hat, dass Leute, die nicht über den NC bzw. die Abibestenquote ins Studium kommen, sowieso keine Chance hätten, im Studium zu bestehen. Ich bin sehr froh, dass ich das Gegenteil beweisen konnte.

Wie ging es dir, als es dann so weit war und das Studium tatsächlich startete? Warst du erleichtert, überfordert…?

Emotional war es am Anfang ein wilder Mix. Ich war ein wenig erleichtert, so nach dem Motto „na endlich“, aber es kam auch relativ schnell eine große Anspannung dazu, als ich verstanden hatte, was das jetzt für eine Herausforderung für mich wird. Aus dem Lernen war ich schließlich schon 8 Jahre raus. Meine erste Klausur habe ich auch nur sehr knapp dank Gleitklausel bestanden. Es hatte aber wohl einfach etwas Zeit gebraucht, um mich an die neue Situation zu gewöhnen. Nach einer Weile kam ich gut mit und habe mich relativ erfolgreich „durchgewurschtelt“.

Haben sich deine schulischen Leistungen in deinen universitären widergespiegelt?

Mein Eindruck war, dass im Medizinstudium nochmal neu gewürfelt wird. Ich hatte sicher nicht nur Einsen in der Uni, habe aber fast jede Prüfung auf Anhieb bestanden und das Studium in Regelstudienzeit abgeschlossen. Klares „Jein“ also.

Würdest du sagen, dass du durch deinen Lebenslauf bestimmte Vor- oder Nachteile, vielleicht Herausforderungen, während des Studiums hattest?

Ja zu allen drei Punkten. Angefangen bei den Herausforderungen: Aus einer Vollzeittätigkeit mit Vollzeitgehalt ins Studium zu wechseln bedeutet erstmal eine riesen Umstellung. Die zweite große Herausforderung war, das Lernen zu lernen. Das war neu für mich, in der Schule hatte ich das verpasst. Still am Schreibtisch zu sitzen, meine Zeitplanung zu koordinieren, das fiel mir zu Beginn sehr schwer. Von Vorteil war auf jeden Fall meine medizinische Ausbildung. Es fiel mir leichter, neu gelernte Inhalte in einen Kontext zu setzen. Schonmal ein Grundverständnis davon zu haben, wie so ein menschlicher Körper funktioniert, bringt einem nicht in jedem Fach etwas, aber in wirklichen vielen. Ein Nachteil: Ich bin alt. Ich bin einfach aus dem Studium raus und habe gleich schonmal 8 Jahre weniger Zeit, um meine Karriere zu planen, mir Ziele zu erarbeiten etc. Ich werde „8 Jahre weniger“ als Arzt praktizieren, werde älter sein, wenn ich eine Praxis gründe, etc.


Und für deinen Berufsalltag? Du hast ja z.B. als frischer Assistent gleich in der Notaufnahme angefangen, das ist ja kein ganz klassischer Einstieg.

Auch da hat mir mein ehemaliger Beruf nur Vorteile gebracht. Der Umgang mit den Patientinnen und Patienten, eigenständiges Arbeiten, Verantwortung übernehmen, Stressresilienz. Das kannte ich alles schon.

Du bist seit Anfang 2024 als Arzt tätig. Hast du deinen Berufswunsch oder deinen Lebenslauf seither mal bereut? Würdest du etwas anders machen wollen?

Nein, bereut habe ich nichts. Wenn ich etwas ändern könnte, hätte ich wohl versucht, meine Wartezeit ein bisschen zu reduzieren. Wenn ich nochmal die Wahl hätte, würde ich aber wieder zuerst eine Ausbildung machen und zumindest mal 1-2 Jahre in dem Job arbeiten.

Wieso denkst du, dass das der richtige Job für dich ist?

Weil es das ist, was mir Spaß macht, was mich glücklich macht und weil mir auch gespiegelt wird, dass ich den Job ganz gut mache.

Denkst du, dass du mit deinem Lebenslauf ein Einzelfall bist? 

Sicher nicht. Wir hatten bei uns in der Uni damals eine „Oldie“-Messengergruppe, wo wir uns schon vor Unistart zusammengetan haben. Die gibt es auch heute noch. Da konnten sich Leute austauschen, die einfach schon älter waren, über den zweiten Bildungsweg studiert haben, schon Kinder hatten usw. Ich war also definitiv nicht alleine. Da habe ich viele Leute kennengelernt, die einfach mit anderen Voraussetzungen in dieses Studium gestartet sind als jemand, der frisch aus der Schule kommt. Das heißt nicht, dass letztere es leichter haben. Die Herausforderungen sind einfach andere.

Was würdest du jemandem mitgeben wollen, der vielleicht keinen besonders guten Abischnitt oder gar kein Abitur hat, aber gerne Medizin studieren würde?

If you can dream it, you can do it - hoffentlich [lacht]. Ich weiß nicht, inwiefern sich die Aufnahmekriterien in den letzten Jahren verändert haben, aber wenn man den Traum und das Ziel hat, Arzt oder Ärztin zu werden, dann findet sich irgendwie ein Weg. Man muss nur gegebenenfalls bereit sein, einiges dafür zu investieren.

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Häufige Fragen und Antworten

Ja, es ist möglich – oft über Wartesemester, alternative Zugangswege oder berufliche Qualifikationen. Flo berichtet, wie er nach 16 Wartesemestern seinen Studienplatz bekam.

Viele starten mit einer medizinischen Ausbildung, z. B. als Rettungsassistent*in oder Pflegekraft, um praktische Erfahrung zu sammeln und die Wartezeit sinnvoll zu nutzen.

Die Umstellung vom Beruf ins Studium, finanzielle Aspekte und das Lernen nach Jahren Pause sind große Hürden – aber mit Motivation und Planung machbar.

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