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Greifswald: Universität

Zwischen Labor und Leben: Meine Famulatur beim Hausarzt

Justus Lamm

Vom banalen Bagatellbefund über bedrohliche Blutbildveränderungen, von chronischen Krankheiten bis hin zu kommunikativen Kriseninterventionen, von neurologischen Notfällen bis zur problematischen Polypharmazie – in der Allgemeinmedizin begegnet man den unterschiedlichsten Fällen, oft innerhalb von Minuten! Lokalredakteur Justus nimmt dich mit auf seine Famulatur in einer hausärztlichen Praxis.

Gespräch in Praxisumgebung
© amnaj/stock.adobe.com - Stock photo. Posed by models.

Rechtlicher Hinweis:
Die geschilderten Fallbeispiele wurden stark anonymisiert, zusammengeführt und variiert, sodass sie keinen Rückschluss auf reale Personen ermöglichen. Sie dienen ausschließlich der Veranschaulichung studentischer Erfahrungswerte. Sie stellen ausdrücklich keine Empfehlungen dar und können ärztliche Konsultation in keinem Fall ersetzen!

Viren vs. Verordnung?

Gerade rechtzeitig habe ich meinen Kasack angezogen, mein Stethoskop eingesteckt und mein Namensschild aus der Tiefe meines Rucksacks gekramt, als auch schon die erste Patientin das Zimmer betritt: eine 38-jährige Büroangestellte, die sich nun – nach vier Tagen produktiven Hustens und subfebriler Temperaturen – doch dazu entschieden hat, ärztliche Hilfe aufzusuchen.
Ein respiratorischer Infekt!, schießt es mir durch den Kopf – Erleichterung macht sich breit, kenne ich dieses Krankheitsbild doch zur Genüge aus meinem Praktikum beim Kinderarzt. Das klinische Bild, ein feines Giemen in der Auskultation bei sonorem Lungenklopfschall und ein hochnormales CRP, bestätigt diese Verdachtsdiagnose.

Da es sich vermutlich um einen selbstlimitierenden, eher milden viralen Infekt handelt, ist hier lediglich eine Symptomtherapie indiziert. Aufgrund ihrer schmerzenden Nasennebenhöhlen empfehle ich ein NSAR (z. B. Ibuprofen oder Paracetamol) mit begleitender antiinflammatorischer Wirkung. Zusätzlich erläutere ich den Effekt von Inhalationen und mukolytischen Präparaten.

„Können Sie mir bitte auch ein Antibiotikum verschreiben – zur Sicherheit?“, bittet mich die Patientin. Ich erkläre, dass eine vorsorgliche Antibiose nicht nur unüblich, sondern auch mit Risiken (v. a. Nebenwirkungen und Resistenzbildung) verbunden ist. Da ich ihre Bedenken aber nachvollziehen kann, besprechen wir ausführlich den typischen Verlauf solcher Infekte – sowie mögliche Warnsignale. Mein Angebot einer Wiedervorstellung beruhigt sie schließlich.

Das habe ich gelernt: Allgemeinmedizin bewegt sich oft auf einem schmalen Grat zwischen ärztlicher Verantwortung und patientenzentrierter Entscheidung.
Es gilt, nicht vorschnell zu (be-)handeln und klinische Befunde in den richtigen Kontext zu setzen. Dabei müssen individuelle Sorgen und Wünsche stets ernst genommen und erklärt werden – denn Hausärzte und Hausärztinnen behandeln keine Krankheiten, sondern Patienten und Patientinnen!

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Ein neurologischer Notfall

Während ich den nächsten Patienten aufrufe, werfe ich einen schnellen Blick auf die Notizen der MFA: „plötzliche Schwäche links, leichte Wortfindungsstörung“. Irritiert kontrolliere ich den Namen, denn trotz dieser Beschreibung wirkt der Mann vor mir rundum gesund.
Er berichtet, dass seine Beschwerden nach wenigen Minuten wieder abgeklungen seien. Auf Drängen seiner Frau hin habe er sich dennoch zu einem Arztbesuch überwunden, weshalb er meine Untersuchungen nur missmutig über sich ergehen lässt.

Lass dich nicht verunsichern!, beruhige ich mich immer wieder. Ich beginne eine gründliche Untersuchung – angesichts der auffälligen Anamnese darf ich auf keinen neurologischen Test verzichten! Doch mein klinischer Befund ist bei einem Blutdruck von 160/90 mmHg unauffällig.
Erneut bittet mich der Patient, nun endlich gehen zu dürfen. Ich möchte ihn nicht unnötig aufhalten, geschweige denn einen banalen Vorfall dramatisieren – doch ein mulmiges Gefühl lässt mich zögern: In Kombination mit dem vorbekannten Nikotinabusus deutet die Anamnese auf eine transitorische ischämische Attacke (TIA) hin. Diese beschreibt eine vorübergehende fokal-neurologische Symptomatik infolge einer passageren zerebralen Durchblutungsstörung (meist < 1 Stunde, definitionsgemäß < 24 h).
Ich merke, dass ich nun an eine Grenze meines Wissens stoße, und bitte die erfahrene ärztliche Kollegin um Unterstützung. Mein Zögern zahlt sich aus: Sie bestätigt meine Einschätzung und übernimmt umgehend zur weiteren Diagnostik und Einleitung einer Sekundärprophylaxe.

Das habe ich gelernt: Gute Medizin bedeutet, im Interesse der Patienten die eigenen Grenzen zu kennen. Es ist gelebte Verantwortung, im Zweifelsfall abzugeben – an Menschen mit mehr Erfahrung und Fachwissen. Denn es ist eine Stärke (keine Schwäche), um Hilfe zu bitten!

Bedrohliche Bauchschmerzen

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Anschließend begleite ich die Ärztin zu einer jungen Patientin. Die 25-Jährige klagt über rechtsseitige Unterbauchschmerzen. Sie wirkt blass, leicht febril und berichtet über Appetitlosigkeit sowie Übelkeit.

Unter der wachsamen Beobachtung meiner Betreuerin beginne ich mit der körperlichen Untersuchung: Die Darmgeräusche scheinen in allen vier Quadranten etwas vermindert, die Perkussion ist unangenehm und die Palpation schmerzhaft – besonders um den McBurney-Punkt. Als ich diesen Befund zusammenfasse, schaut mich die Ärztin erwartungsvoll an.

Also äußere ich meinen Verdacht: „Ich denke an ein akutes Abdomen, vielleicht eine Appendizitis …“ – zögernd suche ich in ihrem prüfenden Blick nach Zustimmung, ehe ich vorsichtig ergänze: „… nun wäre eigentlich eine Sonografie notwendig, aber in der Praxis haben wir keine. Wie wäre es vorerst mit Laborwerten?“ Die Ärztin nickt – ich atme innerlich auf!
Da die externen Laborwerte erst am Nachmittag verfügbar sind, führen wir vorab einen CRP-Schnelltest durch: 52 mg/l – ein deutlicher Hinweis auf eine entzündliche Genese.
Meine Verdachtsdiagnose erhärtet sich – nun gilt es, keine Zeit zu verlieren! Daher veranlassen wir sofort die Weiterleitung in die Notaufnahme zur weiteren Diagnostik und Therapie.

Das habe ich gelernt: Auch ohne Hightech lassen sich mit sorgfältiger klinischer Untersuchung und strukturierter Anamnese ernsthafte Erkrankungen erkennen – denn Allgemeinmedizin ist nicht die Kunst des „Weniger“, sondern des „Wesentlichen“!

Mein Fazit

An meinem ersten Tag ging ich mit Neugier und Skepsis in die Praxis. An meinem letzten Tag verließ ich sie mit echtem Respekt für ein Fach, das ich unterschätzt hatte!
Was ich zuvor als reduzierte Version der Klinik betrachtete, ist in Wahrheit eine völlig andere Art von Medizin:
Ja, auch hier wird Blut abgenommen, das Labor beurteilt und das EKG ausgewertet – aber immer steht der Mensch im Mittelpunkt!

Häufige Fragen und Antworten

Man lernt, klinische Befunde richtig einzuordnen, patientenzentriert zu handeln und die eigenen Grenzen zu erkennen – inklusive der Fähigkeit, im Zweifel Hilfe anzufordern.

Sie vermittelt praxisnahe Diagnostik, Kommunikation und Entscheidungsfindung ohne Hightech, aber mit Fokus auf das Wesentliche: den Menschen.

Beispiele sind respiratorische Infekte, neurologische Warnsymptome wie TIA und akute Bauchschmerzen, die eine strukturierte Anamnese und schnelle Entscheidungen erfordern.

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