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Gießen: Justus-Liebig-Universität

Physikum und das vierte Semester in Gießen – Mein Tagebuch

Lilli Kleinheinrich

Physikum = Stress, Panik, Ausnahmezustand? Dieser Erfahrungsbericht zeigt, warum vieles ganz anders kommt – und wie eine realistische Lernstrategie und die richtige mentale Einstellung dich sicher durch die Prüfungsphase bringen können.

Studentin beim Lernen
© Natee Meepian/stock.adobe.com - Stock photo. Posed by a model.

Ich muss schon sagen, die allgegenwärtige Mundpropaganda rund um das 1. Staatsexamen im Medizinstudium hat bei mir alles andere als Vorfreude ausgelöst. Im Gegenteil: Bereits in den ersten Tagen des neuen 4. Semesters braute sich unter meinen Kommilitonen und mir eine Stimmung zusammen, die von Stress und Panik geprägt war, was das bevorstehende Ereignis anging.
Das vieles ganz anders kam als erwartet und warum die eigene mentale Einstellung eine zentrale Rolle spielt, möchte ich euch in diesem und in einem zweiten Teil meiner Erfahrungen schildern. Vielleicht gelingt es mir, einen kleinen Gegenpol zu den oft angsteinflösenden Schilderungen zu setzen und euch ein wenig Mut zu machen.

Das vierte Semester in Gießen – Physiologie und Biochemie

Bevor das Physikum in Angriff genommen werden kann, gilt es im 4. Semester zunächst, die Klausuren in Biochemie und Physiologie zu bestehen.

Glücklicherweise ist der Umfang an Veranstaltungen im 4. Semester eher gering, sodass genug Zeit bleibt, sich auf die beiden Klausuren vorzubereiten und gleichzeitig erste Überlegungen zur eigenen Physikumsvorbereitung anzustellen.

Ich habe zeitig zu Semesterbeginn damit begonnen, die vier großen vorklinischen Fächer mittels des Anki-Decks Ankiphil zu lernen. Der frühe Start hatte entscheidende Vorteile: Ich konnte die Karten in einem moderaten Tempo durcharbeiten und hatte bis zu den Klausuren und zum Physikum zahlreiche Wiederholungszyklen. Die Karten würde ich auch sehr weiterempfehlen, da sie vor allem in Anatomie helfen, vergessen geglaubte Muskeln und Präparierkurs-Wissen wieder zuverlässig ins Gedächtnis zu holen. Aber auch für die beiden Klausuren war das Deck nützlich, insbesondere zum Auswendiglernen der Stoffwechselwege in der Biochemie.
Sollte dir wenig Zeit bleiben, würde ich den Anatomie-Stapel priorisieren, der hat mir persönlich am meisten geholfen.

Im November begann ich, auch ein wenig getrieben durch den allgemeinen Aufruhr im Semester, mit der Vorbereitung auf die Klausuren. Fürs Lernen habe ich vor allem die Endspurt-Skripte und jeweils noch ein großes Lehrbuch für die unispezifischen Details benutzt. Das war total praktisch, da ich so bereits die Endspurt-Skripte in Physiologie und Biochemie durcharbeiten konnte und später weniger Zeit im Physikums-Lernplan dafür einrechnen musste.

Die Klausuren Mitte Januar stellten definitiv nochmal eine Zerreißprobe dar. Die Klausuren waren anspruchsvoll, aber nicht unmöglich schwer. Dass wir unsere Ergebnisse erst mit deutlicher Verzögerung erfuhren, war wirklich eine Challenge. Die Tage des Wartens auf die Klausurergebnisse, an denen ja auch die Zulassung zum Staatsexamen hing, waren eine ziemliche Quälerei für mich.

Ursprünglich hatte ich geplant, direkt nach den Klausuren mit dem Physikums-Lernplan zu beginnen. In der Realität war an Lernen vor lauter Anspannung in dieser Zeit kaum zu denken. Rückblickend kann ich sagen: Das war völlig in Ordnung, an diesen Tagen nicht zu lernen. Sich zum Lernen zu zwingen, obwohl man völlig blockiert ist, ist ineffektiv und frustrierend. Ein paar „verlorene“ Lerntage entscheiden nicht über das Bestehen. Sich das immer wieder bewusst zu machen, hat mir sehr geholfen.

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Es wird ernst – Der Physikums-Lernplan beginnt

Mit der Erlösung, dass ich beide Klausuren bestanden habe, konnte ich endlich mit der Vorbereitung beginnen.
Das Gefühl am Tag, als mir klar wurde, dass ich jetzt scheinfrei bin und in die Vorbereitung starten kann, war schon sehr beängstigend und gleichzeitig auch irgendwie surreal.
Ich bastelte mir einen großen Plan aus Papier, mit den verbleibenden Tagen bis zum schriftlichen Examen, in der Hoffnung, einen kleinen Dopamin-Kick vom Wegstreichen des jeweiligen geschafften Tages abends zu erhalten.
Ich hatte durch die Warterei auf Klausurergebnisse noch etwa 45 Tage bis zum Physikum, die verbleibende Zeit war sicherlich eher knapp bemessen, aber hat sich für mich als genau richtig erwiesen. Ich habe mit den Endspurtheften von Thieme gelernt und dazu weiterhin mein Anki-Deck Ankiphil in den Hauptfächern durchgearbeitet. Ich hatte ja nicht mehr die vollen 60 Tage, die für den Endspurt-Lernplan vorgesehen waren und habe daher einige Sachen ausgelassen oder reduziert. So habe ich beispielsweise für Chemie, Physik und Biologie jeweils nur 1 Tag eingeplant, da sich ein allzu großer Aufwand für die 20 Punkte jeweils für mich auch einfach nicht gelohnt hat. Außerdem habe ich Histologie vollständig weggelassen, da ich durch mehrere Testate und sehr gründliches Lernen einfach sehr fit in dem Fach war. Dann habe ich noch einige Psych.-Soz.-Lernpakete zusammengelegt und schon hatte ich meinen individuellen Lernplan erstellt. Ich kann nur empfehlen, sich bei der Planung mit den eigenen Stärken und Schwächen auseinanderzusetzen und bei den Fächern mehr oder weniger Tage einzuplanen. Das gibt Sicherheit und erspart unnötigen Stress.

Endspurt-Skripte und Ankiphil – Für mich der ideale Weg zum Erfolg

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Hier einige Punkte, weshalb ich mich für Endspurt + Ankiphil entschieden habe:
• Ich mag Papier und fand es außerdem motivierend, zu wissen, wie viele Seiten ich noch durcharbeiten muss bis zum Tagesende.
• Ich hatte in der Vergangenheit oft Kopfschmerzen und auch Augenprobleme, wenn ich zu lange am Laptop gearbeitet habe, das konnte ich so auch prima umgehen.
• Ankiphil war super, um alles Wichtige regelmäßig zu wiederholen. Ich habe mich vor der Physikumszeit auch immer gefragt, wie man sich denn alles behalten soll, nachdem man nur „gelesen“ hat. Mit dem Anki-Deck hatte ich das Gefühl, die wichtigsten Fakten auf jeden Fall gut zu behalten und präsent zu halten. Durch dieses „Sicherheitsnetz“ konnte ich zudem an einigen Tagen mein Pensum vom Endspurt-Plan reduzieren oder auch mal ganz weglassen, wenn es mir nicht gut ging, ich einfach mal einen Tag ohne Lernen brauchte oder was Schönes vorhatte. Die wichtigsten Inhalte hatte ich ja ohnehin durch mein Anki-Deck und das Kreuzen gelernt.

Die Tage des Lernens – Ist ja doch alles gar nicht so schlimm wie gedacht

Der Lernplan war fertiggeschrieben und schon startete ich in die Lernphase. Meine Tage waren in dieser Zeit meist ähnlich strukturiert, daher gebe ich euch mal einen kleinen Einblick in meinen Tagesablauf. Ich habe meistens bis 9 oder 10 Uhr geschlafen. Das mag vielleicht faul erscheinen, aber war mir einfach sehr wichtig für meine mentale Gesundheit und mein Wohlbefinden. Ich bin absolut kein Morgenmensch und kann mich auch am besten später am Tag konzentrieren. So konnte ich ausgeschlafen in den Tag starten. Meistens habe ich den Tag mit den jeweils fälligen und neu geplanten Karten des Ankiphil-Decks gestartet. Währenddessen habe ich dann gefrühstückt und einen Kaffee, oder auch mehrere, getrunken. Ich habe versucht, die Ankis gründlich zu machen und mir wirklich immer vor dem Aufdecken meine Antwort im Kopf zu überlegen oder vorzusprechen, daher hat das immer ein paar Stunden gedauert. Meistens war ich damit um die Mittagszeit fertig. Ich habe im Anschluss eine kleine Mittagspause gemacht und habe danach begonnen, die Lernpakete für den Tag durchzuarbeiten. Das hat mal länger, mal kürzer gedauert, meist war ich damit aber gegen 18 oder 19 Uhr durch. Dann habe ich immer eine längere Pause gemacht und war eine Runde mit Freunden im Park spazieren, habe gekocht oder auch mal als Belohnung eine Pizza bestellt, habe ein bisschen Fern gesehen. Diese längere Pause am Abend hat mir immer total gutgetan und danach habe ich mich immer viel besser und auch wieder energiegeladener gefühlt.

Gegen 21 Uhr habe ich dann angefangen zu kreuzen. Das ist sicherlich für viele Menschen die falsche Zeit, konzentriert Fragen zu kreuzen, für mich war es aber perfekt, ich bin eine kleine Nachteule. Da ich immer sehr schnell gekreuzt habe, habe ich meistens nach dem Kreuzpaket im Lernplan noch nach Lust und Laune alte Examen gekreuzt. Teilweise auch nebenher bei einer Doku oder Serie, ups. Ich denke aber trotzdem, dass das sehr wertvoll war, da ich durch diese große Fragenmenge ein super Gefühl für die Fragen und das Kreuzen bekommen habe und sehen konnte, wie ich kontinuierlich besser wurde.
Irgendwann gegen 0 Uhr oder auch ein wenig später habe ich dann den Tag beendet. Das habe ich meist einfach nach Gefühl gemacht und habe einfach aufgehört, wenn ich beim Kreuzen total unkonzentriert geworden bin.

Der Endspurt naht – Im wahrsten Sinne des Wortes

Im Tunnel des Lernplans zogen die Tage an mir vorbei und das Examen rückte immer näher. Ich war aber vor allem sehr glücklich, die Tage in der Vorbereitung so gut überstanden zu haben und war auch ein wenig stolz darauf, mir eine so gute mentale Einstellung bewahrt zu haben.
Die Tage des schriftlichen Examens waren überraschend unspektakulär, zweimal hingehen, kreuzen und wieder nach Hause gehen. Ich war vor dem ersten Tag ein bisschen aufgeregt, das hat sich aber sehr schnell wieder gelegt. Ich denke, die Vorklinik und ihre Testate und Klausuren haben mich wohl abgehärtet.
Dann stand bereits 6 Tage nach dem schriftlichen Examen noch der mündliche Teil an. Darüber will ich gar nicht so viele Worte verlieren, da die Vorbereitung je nach Prüfer wirklich sehr variiert. Ich habe mir Altprotokolle geschnappt und die abgefragten Inhalte immer und immer wieder vor Freunden oder auch mal der Wand durchgesprochen. Ich war an einigen Tagen sogar heiser von dem ganzen Reden und Vortragen, diese Vorbereitung war aber Gold wert und hat sich absolut ausgezahlt, da ich durch das viele Durchsprechen relativ gelassen in die Prüfung gehen konnte. Ich war den Tag vorher auch sehr nervös, aber konnte mich die restlichen Tage und vor allem auch während der Prüfung sehr gut fokussieren und gelassen bleiben, einfach dadurch, dass ich viele Sachen unzählige Male durchgesprochen habe, das Prüfergespräch geübt habe und so auch auf unerwartete bzw. schwierige Fragen eingehen konnte, ohne sofort in Panik zu verfallen.

Natürlich war es trotzdem so, dass ich definitiv nicht alles wusste. Das ist aber überhaupt kein Problem und wird euch auch nicht um das Bestehen bringen.
So war nach dreieinhalb Stunden die wohl bisher größte Prüfung meines Lebens an einem Mittwochnachmittag Mitte März vorbei. Es hat sich absolut unwirklich angefühlt und ich habe es zugegebenermaßen auch 2 Monate später, während ich diesen Artikel schreibe, immer noch nicht ganz realisiert.

Es bleibt mir zu sagen, dass es nicht so sein muss, wie viele Horror-Berichte vom Physikum ankündigen. Ich hatte auch schlechte Tage und habe mal ein Tränchen verdrückt, aber die Zeit insgesamt sehr gut überstanden. Daher ist wirklich mein größter Tipp für diese herausfordernde Zeit, seine mentalen Ressourcen zu stärken und mit aller Kraft zu versuchen, sich eine positive und gestärkte mentale Einstellung zu bewahren. Denn am Ende ist das Physikum wohl eher eine mentale Herausforderung als eine fachliche!

Falls das Physikum bei dir bald bevorsteht: Viel Erfolg, das nötige Quäntchen Glück und mentale Stärke!

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