Wenn Klinik zur Kunst wird – Meine Famulatur in der Plastischen und Ästhetischen Chirurgie
Wann wird Klinik zu Kunst? Anatomie zu Ästhetik? In der „Plastischen und Ästhetischen Chirurgie“ verschwimmen die Grenzen zwischen Künstler*innen und Ärzt*innen. Hier berichtet dir unser Lokalredakteur Justus von seiner ambulanten Famulatur.

Was macht ein Schönheitschirurg überhaupt?
Vor der Famulatur hatte ich ehrlicherweise eine völlig falsche Vorstellung, was ein „Schönheitschirurg“ überhaupt ist. Denn offiziell existiert dieser Begriff weder im Studium, noch im Fach selbst.
Umgangssprachlich meinen wir mit dem Label meistens „Fachärzt*innen für Plastische und Ästhetische Chirurgie“: Doch diese spezialisieren sich nicht nur auf reine Schönheitsoperationen, sondern auch auf rekonstruktive Eingriffe und funktionelle Wiederherstellung (z.B. nach Krankheit oder Unfällen).
Ein hochkomplexes Gebiet also, das mit ca. 2000 Fachärzt*innen in Deutschland eine echte Besonderheit ist. Einen von diesen, Herrn Dr. Eisenbrand , durfte ich mit seinem Team für ein paar Tage begleiten.
Mein Tipp: Nicht alle Fachrichtungen werden im Uni-Curriculum ausreichend gelehrt. Suche also gezielt nach „exotischen“ Famulaturen, damit du einen guten Überblick über mögliche Berufsfelder gewinnst!
Info-Absatz: Facharztausbildung & Studios
Die Weiterbildung zum „Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie“ ist anspruchsvoll und dauert mindestens sechs Jahre.
Rein ästhetische Eingriffe (also das, was wir meist mit „Schönheitschirurgie“ meinen) sind dabei nur ein kleiner Teilbereich der chirurgischen Arbeit. Ein großer Fokus liegt nämlich auf den zahlreichen rekonstruktiven Techniken: So erlernen die Ärzt*innen beispielsweise Hauttransplantationen (z.B. bei chronischen Wunden), mikrochirurgische Gewebetransfers (z.B. nach Tumorresektion) oder die funktionelle Wiederherstellung einzelner Körperteile (z.B. bei Genitalverstümmelung).
Neben der chirurgischen Arbeit sind übrigens auch Dienste in der Notaufnahme sowie auf Intensivstation erforderlich und weiterführende Kenntnisse (z.B. zu Verbrennungsmedizin) unerlässlich.
Mein Eindruck: Sicherlich siehst auch Du oft Werbung für ästhetische Behandlungen auf SocialMedia! Wichtig zur Einordnung ist dabei: Manche Eingriffe, wie Botulinumtoxin- und Fillerinjektionen, dürfen auch andere (Fach-)Ärzte mit entsprechender Zusatzqualifikation durchführen.
Diese Zusatzqualifikationen sind sinnvoll, aber nicht mit dem umfangreichen Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie gleichzusetzten!
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Der Praxisalltag
„Ästhetik endet nicht beim OP-Ergebnis!“, erklärt Herr Eisenbrand als er mich morgens in sein Büro bittet. Er hat recht, denn das Design der Praxis steht in krassem Kontrast zum sterilen Klinikumfeld. Alles ist ästhetisch aufeinander abgestimmt: Monochrome Wandbilder hängen über schneeweißen Möbeln. Schwarze Handschuhe ergänzen die dunkle Praxis-Kleidung. Ich lasse mich auf dem Stuhl gegenüber nieder. Schwarzes Leder – natürlich!
Doch diese Anmerkung bezieht Herr Eisenbrand nicht nur auf seine Praxis, sondern vor allem auf seine Arbeitsweise: Operationen sind für ihn nur ein kleiner Teil seiner Arbeit. Davor bietet er ausführliche (unverbindliche!) Vorbereitungsgespräche an. Danach finden regelmäßige Kontroll- und (selten) Korrekturtermine statt.
Der ärztliche Arbeitsalltag ist demnach ein ständiges Rotieren zwischen Sprechstundenzimmer und OP-Saal. Dieser Spagat zwischen Schreib- und OP-Tisch ist zwar herausfordernd aber reizvoll: Er verlangt einen schnellen Wechsel zwischen effizientem und makellosem Handwerk einerseits sowie geduldiger und empathischer Gesprächsführung andererseits. Was beide Tätigkeiten eint ist die große Wertschätzung gegenüber den Patient*innen und ihren individuellen Wünschen.
Oft hört man das Vorurteil, Schönheitschirurg*innen würden selbst die ungewöhnlichsten Anfragen erfüllen, solange nur der Preis stimmt. Doch bei Herrn Eisenbrand merke ich schnell, dass das Gegenteil zutrifft: Alle Patient*innen werden ausführlich über die gewünschten Eingriffe aufgeklärt. Unrealistische Erwartungen werden kritisch eingeordnet. Nicht jede Anfrage wird automatisch angenommen.
Mein Eindruck: Durch seine verantwortungsvolle Haltung räumt Herr Eisenbrand konsequent mit den gängigen Klischees über diese Fachrichtung auf. Sein Motto: „Ich bin ‚Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie‘ – für mich liegt dabei eine besondere Betonung auf dem Wort ‚ästhetisch‘!“
Im OP-Saal
Im angeschlossenen OP-Saal wird dieser Anspruch – im wahrsten Sinne des Wortes – in die Praxis übersetzt. Wenn die Patient*innen einverstanden sind, hospitiere ich bei ihren Operationen: So beobachte ich Herrn Eisenbrand und seine Kolleginnen bei Lidplastiken, Liposuktionenoder Mamma-Vergrößerungen.
Da ich mit Chirurgie bisher wenig anfangen konnte, bin ich nicht qualifiziert, hier operative Techniken zu kommentieren.
Aber ich lerne etwas anderes: Chirurgie kann auch Spaß machen!
An der Universität verbrachte ich schon ganze Tage in OP-Sälen – oft nur damit beschäftigt, regungslos Haken zu halten. In der Praxis hingegen dauern viele Eingriffe kaum eine Stunde, und kurze Pausen sind völlig selbstverständlich.
Auch die Team-Atmosphäre ist eine andere: In der Klinik sind strenge Kritik, unterschwellige Schuldzuweisungen und Zeitdruck häufig. In der Praxis hingegen ist die Arbeit zwar effizient, aber sorgfältig und geduldig. Kritik ist willkommen, aber stets höflich formuliert und fachlich fundiert.
Vor allem aber merke ich: Man nimmt sich Zeit für mich! Egal ob MFAs, Anästhesist*innen oder Chirurg*innen - Alle erklären mir zugewandt das Procedere. Jedem darf ich über die Schulter schauen. Keine Frage wird belächelt.
Mein Tipp: Der (Uni-)Klinik-Alltag ist selten repräsentativ für einzelne Fachrichtungen. Schaue dir daher unbedingt auch das ambulante Arbeiten an, ehe du ein Urteil gegen (aber auch für) eine Fachrichtung fällst!
Im Behandlungszimmer
Doch nicht immer bedarf es einer aufwendigen Operation. So finden in der Praxis auch zahlreiche nicht-operative Behandlungen statt, die beeindruckende ästhetische Ergebnisse erzielen! Einige Patient*innen darf ich dabei begleiten und zuletzt sogar selbst auf der Behandlungsliege Platz nehmen:
Kryolipolyse: Cool bleiben!
Statt Körperfett – wie beim Sport – sprichwörtlich zu „verbrennen“ setzt die Kryolipolyse auf das Gegenteil: kontrollierte Kälte. Mit einem speziellem Vakuum-Aufsatz werden Fettzellen durch Kühlung gezielt geschädigt. In den darauffolgenden Wochen baut der Körper die Adipozyten dann über natürliche Stoffwechselprozesse langsam ab. Daher braucht es einige Zeit, bis die Ergebnisse sichtbar werden.
Mein Eindruck: Die Kryolipolyse war für mich ein guter Reminder, dass ästhetische Medizin – wie Medizin insgesamt – nicht immer schnelle Effekte liefern muss. Langfristig sind viele kleine Erfolge meist nachhaltiger als schnelle, große Versprechen!
Faltenbehandlung: Das geht unter die Haut!
Sicherlich hast du schonmal von „Botox®“ gehört! In dem bekannten Präparat steckt der Wirkstoff Botulinumtoxin A (BTX) – dieser ist ein Klassiker in der ästhetischen Behandlung von Falten: Als Muskelrelaxans hemmt er die mimische Muskulatur, wodurch Faltenbildung gelindert wird.
Bei statischen, tiefen Falten kann auch eine Unterspritzung mit Hyaluronsäure sinnvoll sein. Gegebenenfalls wird auch Microneedling oder Lasertherapie durchgeführt.
Mein Tipp: Warum ich das erzähle? BTX hat eine interessante Besonderheit: Teilweise wird es auch zur Migräne-Prophylaxe verwendet – und das ist klausurrelevant! ;)
Dauerhafte Haarentfernung: Ha(a)rmonie durch Laserstrahlung?
Rasierer oder Wachs waren gestern! Denn zur langfristigen Reduktion der Körperbehaarung werden in der Praxis Laserstrahlen eingesetzt.
Was futuristisch klingt, folgt einem einfachen Prinzip: Aus deinen Histologie-Seminaren weißt du, dass die Melanozyten der Haarmatrix das namensgebende Melanin produzieren. Nach Aufnahme in die künftigen Rindenzellen wird es im Haarschaft eingebaut. Während der Bestrahlung absorbiert das Melanin nun die Laserenergie, was in einer thermischen Schädigung der Haarwurzel resultiert. Aufgrund des Haarzyklus sind dabei mehrere Sitzungen notwendig, denn nur Haare in der Wachstumsphase können auf diese Weise effektiv behandelt werden.
Schon bald packt mich die Neugier: Wie sehr tut die Behandlung wirklich weh? Nach Feierabend werde ich also kurzerhand selbst zum Patienten und lege mich unter den Laser. „Nur keine Schwäche zeigen!“, denke ich angespannt, als die Kollegin das Gerät betätigt. Ich spüre ein heißes Stechen, das jedoch schnell verfliegt – und mit ihm meine Aufregung. Nicht unbedingt angenehm, aber durchaus erträglich.
Mein Eindruck: Mein kleiner Selbstversuch zeigt, wie wichtig eine Behandlung auf Augenhöhe ist. Was wir histologisch rational erklären können, fühlt sich auf der Liege trotzdem anders an. Ein solches (Selbst-)Erleben hilft, empathisch zu bleiben!
Im Studio
Auch außerhalb der Praxis engagiert sich Herr Eisenbrand für ganzheitliche Perspektiven auf Ästhetik und Gesundheit: Mit Epigeneo hat der Chirurg ein Boutique-Studio zur Förderung von körperlicher Fitness, Regeneration und Wohlbefinden gegründet.
Das freundliche Studio-Team betreut hier nicht nur Patient*innen der Praxis, sondern auch externe Kund*innen – und sogar mich als Famulanten:
Technik & Training
Im Studio wird reguläres Sporttraining durch moderne Technologie unterstützt: Bei der „Elektromyostimulation“ (EMS) tragen die Kund*innen spezielle Kleidung mit einem mobilen Akku. Dieser generiert elektrische Impulse, was die Rekrutierung motorischer Einheiten (und so die Kontraktion) steigert. Die Trainerin stellt dabei die EMS individuell ein, achtet auch auf eine korrekte Ausführung und motiviert zu Höchstleistungen.
Ergänzend werden auf Basis einer ausführlichen Körperanalyse persönliche Ernährungs- sowie Trainingspläne erstellt und der individuelle Fortschritt dokumentiert.
Mein Eindruck: In der Sportmedizin gibt es keine „Wundermittel“. Doch in Kombination mit der angebotenen Ernährungsberatung und dem belastungsangepassten Trainingsplan ist EMS ein effizienter Hebel für gezielten Kraftaufbau.
Der Massagesessel
Neben Sport ist auch Entspannung ein wichtiger Teil des Studio-Konzepts: Ein Massagesessel mit ergänzender Lichtmasken- und Musikbegleitung bietet ein effektives Regenerationsprogramm. Dabei lindert die Massage nicht nur muskuläre sondern auch psychische Anspannung. Denn eine Brille mit integrierter Lichtapplikation erzielt zusätzliche Entspannungseffekte durch angenehme visuelle Reize.
Mein Tipp: Nach einem anstrengenden Arbeitstag durfte auch ich mich im Sessel niederlassen. Danach konnte ich ungewohnt erholt in meinen Feierabend starten. Dieser Selbstversuch zeigte mir, wie wichtig regelmäßige Pausen und strukturiere Entspannungsverfahren sind – für Patient*innen und Personal gleichermaßen!
Medizin & Minusgrade
Die Kältekammer des Studios wirkt auf den ersten Blick einschüchternd. Denn sie kühlt auf bis zu -110°C herunter!
Doch unter Anleitung des Teams ist sie gut machbar: Die Kund*innen entkleiden sich bis auf die Unterwäsche. Dann ziehen sie sich Handschuhe, eine Maske und eine Mütze an. So ausgestattet erfolgt zunächst eine kurze Akklimatisierung in der Übergangskammer, ehe die Hauptkammer betreten wird. Dort verbringen sie – je nach persönlicher Präferenz tanzend, springend oder einfach stoisch abwartend – bis zu bis zu fünf Minuten in den eisigen Temperaturen.
Die aktuelle Studienlage ist noch nicht eindeutig, sodass eher eine grobe medizinische Einschätzung möglich ist: Ziel der Kältekammer ist die Induktion einer starken Vasokonstriktion der Haut mit anschließender Reperfusion. Dies soll entzündliche Prozesse modulieren und körperliche Regeneration fördern. Zudem berichten Anwendende von subjektiver Schmerzlinderung und einem aktivierenden Wohlgefühl.
Besonders wichtig ist natürlich eine sorgfältige medizinische Indikationsstellung sowie das Ausschließen von Kontraindikationen (z. B. Raynaud-Syndrom).
Mein Eindruck: Ehrlicherweise hat es mich etwas Überwindung gekostet, die Kältekammer auszuprobieren. Doch mit spanischer Musik auf den Kopfhörern träumte ich mich einfach gedanklich an einen Mittelmeer-Strand. So tanzte ich zu ”¡Súbeme la radio!“ gegen die frostige Kälte an. Mit Erfolg: Nach wenigen Minuten fühlte ich mich frischer und wacher. So konnte ich energiegeladen in meinen Arbeitstag starten!
Im Rückblick
Ich bin sicherlich mit viel Unkenntnis und einigen Vorurteilen in diese Famulatur gestartet – aber dafür mit umso mehr Verständnis wieder gegangen!
Denn Herr Eisenbrand hat mir gezeigt, wie vielseitig sein Fach, die „Ästhetische und Plastische Chirurgie“ sein kann: Er verbindet chirurgisches Können effektiv mit nicht-operativen Verfahren und denkt Medizin stets ganzheitlich.
Dabei stehen für ihn und sein wunderbares Team Wertschätzung, Empathie und Patientennähe im Vordergrund.
Von meiner Famulatur nehme ich daher nicht nur viele positive fachliche sondern auch positive menschliche Eindrücke mit. Und natürlich eine Aussage, die sich für mich bestätigt hat: Ästhetik endet nicht mit dem OP-Ergebnis!
Nein, der Begriff ist umgangssprachlich. Offiziell handelt es sich um Fachärzt*innen für Plastische und Ästhetische Chirurgie, die sowohl ästhetische als auch rekonstruktive Eingriffe durchführen.
Neben Schönheitsoperationen gehören auch die Wiederherstellung nach Unfällen oder Krankheiten, nicht-operative Behandlungen (z. B. Faltenbehandlung, Kryolipolyse) und ausführliche Beratungsgespräche zum Alltag.
Nein. Seriöse Fachärzt*innen klären über Risiken und realistische Ergebnisse auf. Unvernünftige oder gesundheitlich bedenkliche Anfragen werden abgelehnt.