Sterbehilfe - Pro und Contra
Die meisten Menschen wünschen sich in Würde zu sterben. Aus Angst vor Schmerzen und Kontrollverlust plädieren einige für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe, während viele andere befürchten, dass so Schwerstkranke einfach entsorgt werden. Zwei Experten bringen dich auf den aktuellen Stand der Diskussion:

Pro
Warum befürworten Sie die Sterbehilfe?
K. Wichmann: Wir wollen, dass den Menschen bis zu ihrem Lebensende das im Grundgesetz garantierte Recht auf Selbstbestimmung gewährt wird. Laut einem BGH-Beschluss vom März 2003 steht der Patient*innenwille über dem des Arztes/der Ärztin. Ist keine Willensäußerung mehr möglich, soll eine Patient*innenverfügung maßgeblich sein. Nur 10% der Bevölkerung haben eine Patient*innenverfügung, 47% können mit dem Begriff nichts anfangen.
Unter welchen Auflagen wollen Sie die aktive Sterbehilfe erlauben?
Wie die passive und aktive indirekte Sterbehilfe soll die aktive direkte Sterbehilfe nur nach ganz bestimmten Regeln und in Ausnahmefällen erlaubt sein. Es muss ein irreversibler Zustand einer zum Tode führenden Erkrankung vorliegen. Alle Möglichkeiten der Heilung und Leidensbegrenzung müssen ausgeschöpft sein und der Patient/die Patientin muss zum Zeitpunkt seiner/ihrer Willensbekundung psychisch gesund sein. Grundlage sind die rechtspolitischen Vorschläge und Leitsätze der DGHS zu einer gesetzlichen Regelung der Sterbehilfe und -begleitung.
In den Niederlanden wird die aktive Sterbehilfe seit 1998 toleriert. Die meisten Anfragen kommen von Angehörigen. Eine fatale Entwicklung?
Die Niederländer versichern, dass nur der Patient*innenwille entscheidet. Wir würden für Deutschland mehr Schranken einfügen, um möglichen Missbrauch zu vermeiden. Die Entscheidung durch Dritte lehnen wir ab.
Wollen Sie „Leidende“ einfach entsorgen?
Nein. Ich höre derartige Vorwürfe häufiger. Wendet sich jemand an die DGHS, besprechen wir zuerst alle Möglichkeiten, die nicht zur Sterbehilfe führen.
Wie stehen Sie zur Hospizbewegung?
Positiv, ihre Arbeit ist nicht hoch genug einzuschätzen. Doch die DGHS geht in ihrem Bestreben nach einem humanen Lebensende etwas weiter.
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Contra
Warum sind Sie gegen die Sterbehilfe? Lehnen Sie jegliche Form ab?
Wenn Sie meine Einstellung zur aktiven Sterbehilfe meinen, dann lehne ich diese tatsächlich aus einer Überzeugung ab, die auf meiner ethischen Einstellung und klinischen Erfahrung basiert. Im Gegensatz zur aktiven Sterbehilfe sind die indirekte Sterbehilfe und passive Sterbehilfe ethisch und rechtlich zu vertreten.
Aus welchen Gründen sollte man einem todkranken Patienten/einer totkranken Patientin den Wunsch nach Sterbehilfe verwehren?
Aufgabe des Arztes ist Leiden zu lindern und nicht den Leidenden durch aktive Sterbehilfe zu beseitigen. Wenn Sie bedenken, dass 90% der Patient*innen, die in den Niederlanden aktive Sterbehilfe erhalten, Tumorpatient*innen sind, dann weiß ich, dass wir gerade für diese Patient*innen Lebensperspektiven eröffnen können. Adäquate Palliativmedizin macht aus dem Todeswunsch einen Wunsch, Leben zu gestalten.
Laut Umfragen der DGHS sprechen sich über 80% der Befragten für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe aus.
Dieser hohe Anteil zeigt die große Verunsicherung in der Bevölkerung und die Angst vor unerträglichem Leid, Entwürdigung, Schmerzen und anderen belastenden Symptomen. Von Seiten der Palliativmedizin sind wir dringend gefordert, unsere Möglichkeiten darzustellen, um diese Ängste abzubauen.
Ist im Rahmen der Europäisierung nicht damit zu rechnen, dass das deutsche dem belgischen oder niederländischen Recht angeglichen wird?
Es gibt eine europaweite Diskussion zu diesem Thema. Die Akzeptanz der aktiven Sterbehilfe behindert aber die kreative Entwicklung der Palliativmedizin. Deswegen ist es allerhöchste Zeit, Palliativmedizin flächendeckend im ambulanten und stationären Bereich zu etablieren, um so das Begehren nach Legalisierung der aktiven Sterbehilfe überflüssig zu machen.
Befürworter betonen das Recht auf Selbstbestimmung bis zum Lebensende. Voraussetzung seien strenge Kriterien, etwa eine irreversibel zum Tod führende Erkrankung, vollständige Ausschöpfung medizinischer Optionen und eine nachweislich freie Willensentscheidung.
Gegner argumentieren, dass die Aufgabe der Medizin im Lindern von Leid liege – nicht im aktiven Beenden eines Lebens. Sie verweisen darauf, dass moderne Palliativmedizin vielen schwerkranken Patient*innen neue Lebensperspektiven eröffnet und Todeswünsche oft verwandelt.
Befürworterinnen und Gegnerinnen schätzen Palliativmedizin, jedoch sehen Kritiker*innen aktive Sterbehilfe als Hemmnis für deren Weiterentwicklung. Sie fordern den flächendeckenden Ausbau, um Ängste vor Schmerzen, Entwürdigung und Kontrollverlust zu reduzieren.