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Propofol – Narkosemittel zwischen Klinikalltag und öffentlicher Debatte

Ines Elsenhans

Propofol ist aus der modernen Anästhesie nicht wegzudenken: schnell wirksam, gut steuerbar – und zugleich riskant. Seit Michael Jacksons Tod ist es auch außerhalb der Fachwelt bekannt. Heute rücken neben Sicherheitsfragen auch ökologische Aspekte und neue Leitlinien in den Fokus.

OP-Fachkraft hält 2 Propofol Spritzen in der Hand.
© Your Hand Please/stock.adobe.com - Stock photo. Posed by a model.

Michael Jackson: Tod durch Propofol?

Am 25. Juni 2009 ging es wie ein Lauffeuer durch die Medien: "Der King of Pop ist tot!" Bilder gingen um die Welt, wie der 50-Jährige aus seiner Villa in Los Angeles in einen Krankenwagen geschoben wird. Drei Stunden später wurde im UCLA Medical Center sein Tod festgestellt.

Was relativ schnell ans Licht der Öffentlichkeit gelangte, war der Fund zahlreicher Medikamente im Anwesen des Sängers – Michael Jackson war scheinbar schwer medikamentenabhängig.

Heute, mehr als 16 Jahre nach seinem Tod, gilt der Fall Michael Jackson als eines der bekanntesten Beispiele für den missbräuchlichen Einsatz von Propofol außerhalb des klinischen Umfelds. Die damaligen Ermittlungen und die Verurteilung seines Leibarztes Conrad Murray haben die öffentliche Wahrnehmung des Narkosemittels dauerhaft geprägt.

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Was ist eigentlich Propofol?

Propofol, chemisch 2,6-Diisopropylphenol, wird unter dem Namen Disoprivan oder Recofol gehandelt. 1989 wurde es von der Food and Drug Administration in den USA zugelassen, in Deutschland ist das Medikament seit 1996 auf dem Markt. Es handelt sich um einen Arzneistoff aus der Gruppe der Narkotika und wirkt als Hypnotikum ohne analgetische, also schmerzlindernde Wirkung.

Seit einigen Jahren steht Propofol auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO. Zudem wird verstärkt auf die ökologische und ökonomische Bewertung seines Einsatzes hingewiesen, da Propofol im OP-Bereich einen erheblichen Anteil am Medikamentenabfall verursacht.

Wie wirkt Propofol?

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Propofol ist ein kurz und rasch wirksames Injektionsnarkotikum, das nur für die parenterale Anwendung verfügbar ist. Bereits 10 bis 20 Sekunden nach der Injektion tritt die Wirkung ein und dauert bei einmaliger Applikation lediglich 8 bis 9 Minuten an. Die Eliminationshalbwertzeit beträgt zwischen 1 und 3 Stunden. Die Wirkung von Propofol kann durch kontinuierliche Infusion oder durch wiederholte Bolusapplikationen aufrechterhalten werden.

Als Wirkmechanismus wurde nachgewiesen, dass Propofol agonistische Aktivität an GABA-Rezeptoren zeigt. Tierexperimentell wurde außerdem nachgewiesen, dass die Dopaminausschüttung im Nucleus accumbens reduziert wird. Diese und weitere Wirkungsmechanismen werden derzeit noch erforscht. Klinisch relevant ist auch die geringere Rate an postoperativer Übelkeit im Vergleich zu anderen Narkosemitteln.

Für welche Zwecke wird Propofol eingesetzt?

Propofol wirkt in erster Linie, je nach Dosis, beruhigend und betäubend. Das Medikament hat dementsprechend seine Hauptindikation bei der Einleitung und Aufrechterhaltung einer Allgemeinanästhesie.

Darüber hinaus wird es zur Sedierung verwendet – einerseits bei beatmeten Patient*innen im Rahmen einer intensivmedizinischen Behandlung, aber auch bei endoskopischen Eingriffen wie der ERCP oder Rektoskopie. Als Medikament letzter Wahl ist ein Einsatz beim Status epilepticus möglich. Ein Off-Label-use bei Migräne ist eher ungewöhnlich.

Neben den beruhigenden und betäubenden Eigenschaften wird Propofol zugeschrieben, zu euphorisieren, entspannen und in einigen Fällen zu aphrodisieren und sexuell zu enthemmen. Aufgrund dieser Wirkungen sind Missbrauchsfälle, die jedoch relativ selten auftreten, einfach zu erklären.

Ein Grund, warum ein Propofol-Abusus selten und dann meist bei medizinischem Personal auftritt, ist die parenterale Applikation und die schlechte Zugänglichkeit. So wird das Medikament lediglich in Krankenhäusern und Praxen verwendet und ist rezeptpflichtig. Propofol unterliegt jedoch nicht dem Betäubungsmittelgesetz, wie zum Beispiel Morphin.

Wie gefährlich ist Propofol?

Zwar ist Propofol aufgrund der kurzen Halbwertzeit gut steuerbar, problematisch ist allerdings die geringe therapeutische Breite. Der Dosisbereich zwischen Unter- und Überdosierung ist relativ gering.

Wird Propofol überdosiert, so können die Folgen dramatisch sein: Blutdruckabfall, Atemdepression bis Apnoe und Bradykardie können einen schweren Verlauf annehmen und zu Koma sowie zum Tod durch Herzstillstand führen. So sind auch Suizide und Morde mit Propofol beschrieben.

Andere typische Nebenwirkungen sind laut Roter Liste intensive Träume, Schmerzen und Venenentzündungen an der Injektionsstelle, Muskelzuckungen, Husten, epileptiforme Anfälle, schwere Überempfindlichkeitsreaktionen (Anaphylaxie) und in Einzelfällen Lungenödem. Unter dem Begriff Propofol-Infusionssyndrom ist außerdem ein Symptomkomplex mit metabolischer Azidose, Rhabdomyolyse, Nieren- und Herzversagen bei Anwendung höherer Dosierungen bekannt.

Ein Rote-Hand-Brief des BfArM (2023) weist zudem auf das Risiko einer Sepsis bei Mehrfachentnahme aus einem Behältnis hin. Propofol darf daher ausschließlich für den einmaligen Gebrauch bei einem einzelnen Patienten verwendet werden.

Dämmermittel mit Tücken?

„Dämmermittel mit Tücken“ betitelte Spiegel online im Januar 2009 einen Artikel zum Einsatz von Propofol bei Magen-Darm-Spiegelungen.

Während früher eher Midazolam, also ein Benzodiazepin, zur Sedierung verwendet wurde, setzen Mediziner*innen heute wegen der schnell einsetzenden Wirkung und der guten Verträglichkeit häufig Propofol ein. Patient*innen schlafen sanft ein, wachen rasch wieder auf und fühlen sich meist wohl.

Doch ist Propofol wirklich ein Segen in der Endoskopie? Auf die geringe therapeutische Breite wurde bereits hingewiesen. So wird gefordert, dass die Sedierung mit Propofol durch Fachpersonal mit intensivmedizinischer Erfahrung beziehungsweise durch eine Anästhesistin oder einen Anästhesisten eingeleitet und begleitet wird.

Zur objektiven Einschätzung des Sedierungsgrades wird heute standardmäßig die Richmond Agitation-Sedation Scale (RASS) eingesetzt. Sie reicht von +4 (hochgradig aggressiv) bis -5 (nicht erweckbar) und erlaubt eine präzise Steuerung zwischen leichter Sedierung (-2) und Wachzustand (0). Leitlinien von 2025 empfehlen die regelmäßige Dokumentation des RASS-Werts, insbesondere bei Propofol-Sedierungen, um Über- oder Untersedierung frühzeitig zu erkennen. Ziel ist meist eine leichte Sedierung, bei der die Patientin oder der Patient noch auf Ansprache reagiert. Die Skala ist damit ein unverzichtbares Instrument zur sicheren Anwendung von Propofol.

Die aktuellen Leitlinien (ERC 2025) betonen erneut die Notwendigkeit einer engmaschigen Überwachung und Notfallbereitschaft bei Sedierungen mit Propofol durch geschultes Personal.

Monitoring und Überwachung

Damit die Sedierung mit Propofol sicher bleibt, ist eine engmaschige Überwachung zwingend erforderlich. Leitlinien fordern, dass Patient*innen kontinuierlich kontrolliert werden:

  • Pulsoximetrie zur Messung der Sauerstoffsättigung
  • Blutdruckmessung in kurzen Intervallen
  • EKG‑Monitoring bei Risikopatient*innen oder längeren Eingriffen
  • Beatmungsbereitschaft: Das Personal muss jederzeit in der Lage sein, den Patienten zu intubieren und zu reanimieren
Häufige Fragen und Antworten

Propofol ist ein Injektionsnarkotikum, das zur Einleitung und Aufrechterhaltung einer Allgemeinanästhesie sowie zur Sedierung bei intensivmedizinischen und endoskopischen Eingriffen verwendet wird.

Die therapeutische Breite ist sehr gering. Schon kleine Überdosierungen können zu Atemstillstand, Kreislaufversagen oder Herzstillstand führen. Deshalb ist eine engmaschige Überwachung zwingend erforderlich.

Aktuelle Leitlinien empfehlen die Anwendung durch erfahrene Ärztinnen und Ärzte mit intensivmedizinischer Kompetenz. Der Sedierungsgrad soll regelmäßig mit der Richmond Agitation-Sedation Scale (RASS) dokumentiert werden, um Über- oder Untersedierung zu vermeiden.

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