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Medical Skills

Neurobefund in fünf Minuten

Dr. med. Yen-Ying Wu-Brückner, Dr. med. Torben Brückner

Der neurologische Teil der Aufnahmeuntersuchung ist oft sehr zeitaufwendig. Aber braucht man wirklich alles, was auf dem Anamnesebogen steht? Hier ein „pragmatischer Weg“.

Neurobefunde
© solvod/stock.adobe.com - Stock photo.
Abb. 1: Reizzeichen – Lasègue & Co. Beim Lasègue-Test hebt der Untersucher/die Untersucherin das gestreckte Bein des liegenden Patienten/der liegenden Patientin an. Beschwerden in der unteren Extremität verweisen auf ein radikuläres Problem, Schmerz in Kopf oder Hals auf eine meningeale Reizung. Thieme Gruppe
Abb. 2: Hirnnerven – in rascher Serie Hirnnerven lassen sich durch eine rasche Untersuchungs-serie binnen zwei Minuten durchchecken. Mit dem Lämpchen testet man am Auge die Funktion der Hirn- nerven III, IV und VI. Weitere Checks: siehe rechts! Thieme Gruppe
Abb. 3: Sensibilität – diagnostisches Streicheln Die Sensibilität testet der Untersucher/die Untersucherin, indem er synchron beid seitig über Gesicht, Arme, Thorax, Bauch und Beine des Patienten/der Patientin streicht. Per Dermatomkarte lässt sich dann ablesen, welche Nerven von einer Störung betroffen sind. Thieme Gruppe
Abb. 4: Motorik – diagnostisches Armdrücken Für die Prüfung der Motorik umfasst der Untersucher/die Untersucherin B. den Unterarm des Patienten/der Patientin und fordert ihn/sie auf, das Ellbogengelenk zu beugen. Ähnlich verfährt man an Bein und Händen – immer schön im Seitenvergleich. Thieme Gruppe
Abb. 5: Reflexe am Arm – Bizeps & Trizeps Mit dem Bizepssehnenreflex (BSR) testet man die Nervenwurzeln C5/C6. Der Patient/Die Patientin legt den Arm locker ab, der Untersucherfinger liegt auf der Ellenbeuge (Bild). Der Trizepssehnenreflex (TSR) testet C6/C7. Beklopft wird die Ellenbogenaußenseite am Ober Thieme Gruppe
Abb. 6: Reflexe am Bein – Patella und „Achill“ Der leicht „reagible“ Patellarsehnenreflex (PSR) testet L2/L4. Der Achillessehnenreflex (ASR, Bild) testet L5–S2. Der Patient/Die Patientin liegt, der Untersucher/die Untersucherin umgreift den Fuß und klopft auf die Achillessehne. Alternativ kann der Patient/die Patientin auch über der Bettkante knien. Thieme Gruppe
Abb. 7: Pathologischer Reflex – Babinski Für den Babinski streicht man – mit einem Stäbchen oder einem Kugelschreiber (bitte mit versenkter Mine!) – am lateralen Fußrand bis zum Fußballen. Wiederholt das mehrmals! Der große Zeh streckt sich bei pathologischem Befund nach kranial. Thieme Gruppe
Abb. 9: Komplexe Koordination – Romberg etc. Beim Romberg-Test steht der Patient/die Patientin Fuß an Fuß bei zunächst offenen (li.) und dann geschlossenen Augen. Der Unterberger-Tretversuch folgt direkt anschließend, indem der Patient/die Patientin auf der Stelle marschiert (re.). Dreht sich der Patient/die Patientin dabei, besteht Verdacht auf eine Vestibularläsion. Thieme Gruppe


„Neurologisch grob unauffällig“ – so dokumentieren Ärzte und Ärztinnen gerne in ihrem Befund, dass sie neurologisch untersucht haben. Aber was heißt das eigentlich? Jeder versteht darunter was anderes. Weiterbehandelnde Kolleg*innen können mit dieser Info kaum was anfangen. Und wenn es bei einem juristischen Streit um die Frage geht, ob ein neurologisches Symptom übersehen wurde, kann so eine unscharfe Formulierung zu einem echten Problem werden.

Besser ist also, genau zu schreiben, was man untersucht hat. Doch was soll man eigentlich untersuchen? Die Antwort ergibt sich aus folgenden beiden Fragen: Was ist zeitlich machbar? Und: Was bringt mich wirklich weiter?

Oben anfangen – unten aufhören!

Die Untersuchung beginnt damit, dass man sich einen „ersten Eindruck“ verschafft. Bebobachtet euren Patienten/eure Patientin genau! Ist er/sie wach und orientiert? Leidet er/sie evtl. an einer Aphasie (Sprachstörung) oder Dysarthrie (Sprechstörung)? Reagiert er/sie bei der Untersuchung auf verbale Aufforderungen – oder muss man ihm/ihr alles vormachen? Auch Bewegungsmuster, wenn sich der Patient/die Patientin für die Untersuchung entkleidet, können aufschlussreich sein. Dann untersucht ihr nacheinander folgende Aspekte: Reizzeichen, Hirnnerven, Senso motorik, Reflexe, Koordination. Dabei beginnt ihr jeweils am Kopf – und hört am Fuß auf und achtet darauf, wie sich die Funktionen im Seitenvergleich verhalten.

Für das erste Reizzeichen – die Nackensteife – drückt ihr das Kinn zur Brust. Schmerz oder Widerstand wären bei Meningitis oder Subarachnoidalblutung typisch. Die Seitwendung des Kopfes wäre eher unauffällig. Das zweite Reizzeichen prüft ihr mit dem Lasègue-Test (Abb. 1). Dann folgen die Hirnnerven (Abb. 2).

Zur Testung der Sensorik streichen die Untersucherfinger sanft je beidseits über Gesicht, Arme, Rumpf und untere Beine bis zu den Füßen (Abb. 3). Findet man eine Sensorikstörung, sollte man zur besseren Differenzierung auch noch die Warm-Kalt-Testung durch führen. Das geht relativ schnell, indem man Gummihandschuhe mit warmem bzw. kaltem Wasser füllt. Die Spitz-/Stumpf-Diskrimination lässt sich mit einem Holzwattestäbchen überprüfen. Die Motorik testen wir, indem der Patient/die Patientin die Untersucherfinger mit den Händen umschließt oder den Unterarm bzw. das Bein gegen Widerstand beugt bzw. hebt (Abb. 4).

Was sagen die Reflexe?

Dann geht’s ans „Reflexeklopfen“ (Abb. 5 und 6). Viele tun sich damit schwer. Wenn es mit dem Reflexauslösen nicht klappt, liegt das meist daran, dass der Patient/die Patientin anspannt. Tipp: Wenn ihr die obere Extremität prüft, fordert den Patienten/die Patientin auf, die Zähne zusammenzubeißen – so wird er/sie in der maßgeblichen Muskulatur locker. Für die untere Extremität lasst ihr den Patienten/die Patientin beide Hände ineinander verhaken und ziehen (Jendrassik-Handgriff). Wichtigster pathologischer Reflex ist der Babinski (Abb. 7). Ist er positiv, ist das ein Hinweis auf eine zentrale Schädigung der Pyramidenbahn.

Zuletzt prüft ihr die Koordination. Hier gibt es eine ganze Reihe von Tests. Der brauchbarste und einfachste ist der Finger-Nase-Versuch: Der Patient/Die Patientin führt im großen Bogen die ausgestreckte Hand erst mit offenen und dann geschlossenen Augen zur Nase. Ist der Versuch auffällig, wertet das bitte nicht sofort pathologisch, sondern gebt dem Patient/der Patientin nochmals eine Chance. Eine ähnliche Aussage für die untere Extremität hat der „Knie-Hacke-Versuch“. Hier setzt der Patient/die Patientin die Ferse auf das andere Knie und streicht sie den Unterschenkel hinab und herauf. Zuletzt prüft ihr noch die komplexe Koordination – am besten mit dem Romberg-Test, gefolgt vom Unterberger-Tretversuch (Abb. 8).

Ist bei dieser Serie alles in Ordnung, sind sehr viele neurologische Fehlfunktionen ausgeschlossen. Zwar könnt ihr dann trotzdem noch nicht mit Sicherheit sagen, dass der Patient/die Patientin neurologisch gesund ist. Aber so manches CCT um drei Uhr morgens kann man sich damit ersparen. Wenn ihr euch unsicher seid: Untersucht einfach ein paar Minuten später noch mal. Und falls ihr jetzt einwendet: Diese ganzen Tests schafft man doch nicht in fünf Minuten! Stimmt! Damit das klappt, braucht man ein bisschen Übung … Also los! ;-)

Hirnnerven-Check-Serie
I: „Heute den Frühstückskaffee gerochen?“ II: Lasst den Patienten etwas ablesen. Dann kommt die Fingerperimetrie: Der Patient schaut auf eure Nase, während ihr eure Finger in 1 m Abstand in seinen Blickecken bewegt. III: Zuerst checkt ihr mit der Lampe den Pupillenreflex ... III, IV, VI: ... dann bewegt ihr die Lampe im Quadrat vor dem Gesicht hin und her (Abb. 2) und lasst den Patienten hinterherblicken. V: Streicht mit den Fingern beidseits über die Gesichtshälften: Stirn (V1), Wange (V2), Unterkiefer (V3). Kaumuskulatur: „Beißen Sie mal die Zähne zusammen!“ VII: Grimassen: z. B. Backen aufblasen, Zähne zeigen, Stirn runzeln, Augen fest schließen VIII: Reibt eure Fingerkuppen vor den Ohrmuscheln! Hört der Patient etwas? IX/X: Schlucken lassen und mit Lampe Mund und Rachen begutachten XI: Der Patient bewegt den Kopf zur Seite, während ihr mit der Hand gegendrückt. Dann soll der Patient noch die Schultern gegen Widerstand hochziehen. XII: „Strecken Sie mal die Zunge raus!“
Hirnnerven-Check-Serie Thieme Gruppe

Bei Ausfällen immer klären:
Liegt der Schaden zentral oder peripher? Hat jemand z. B. einen Schlaganfall, werden die Reflexe im Verlauf gesteigert, die Lähmung ist spastisch. Ein peripherer Nervenschaden führt zu einer schlaffen Lähmung mit Ausfall der Reflexe.
Ausfälle klären Thieme Gruppe

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Häufige Fragen und Antworten

Die Aussage ist unscharf und inhaltlich wenig hilfreich. Sie sagt lediglich aus, dass untersucht wurde – aber nicht, was genau. Für weiterbehandelnde Kolleg*innen oder juristische Fragestellungen ist diese Dokumentation oft unzureichend.

Die Untersuchung folgt einem klaren System: erster Eindruck, Reizzeichen, Hirnnerven, Sensibilität, Motorik, Reflexe, Koordination. Dabei wird jeweils von oben nach unten und im Seitenvergleich gearbeitet.

Durch präzises Vorgehen lassen sich viele relevante Störungen wie Pyramidenbahnschäden, Sensibilitätsausfälle oder Koordinationsstörungen früh erkennen. Eine konkrete Dokumentation verhindert Missverständnisse und erleichtert Diagnostik, Verlaufskontrolle und Haftungsfragen.

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