Was darf man mit Herzschrittmacher tun?
Ein Herzschrittmacher (HSM) kann die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten erheblich verbessern. Häufig bestehen jedoch Unsicherheiten bezüglich der Frage, was man wirklich alles damit machen kann. via medici hat PD Dr. Christof Kolb, Experte für die Herzschrittmacher- und Defibrillatortherapie vom Deutschen Herzzentrum in München, dazu befragt.

Elektronische und elektrische Geräte
Inwiefern können elektronische Geräte einen Herzschrittmacher (HSM) beeinflussen?
PD Dr. Christof Kolb: Durch Wechselstrom kann es zu elektromagnetischen Interferenzen kommen. Diese treten typischerweise auf, wenn irgendwelche defekten, nicht richtig isolierten Geräte verwendet werden. Deshalb sollten alle elektrischen Geräte in einem guten Zustand sein und im Zweifelsfall ausgetauscht werden. Ich hatte allerdings auch einmal einen Patienten, dessen Defibrillator das hochfrequente Signal seiner Schlagbohrmaschine aufgefangen hatte und annahm, dass es sich um Kammerflimmern handeln würde. Der Patient bekam daraufhin einen sehr schmerzhaften Elektroschock. Danach hat er die Bohrmaschine nie wieder angerührt. Da im Bereich des Bohrmaschinenmotors durch die hohen Umdrehungen ein relativ starkes Magnetfeld entsteht, sollten HSM-Träger generell etwa einen Meter Abstand halten. Um Patienten die Angst vor der Beeinflussung durch elektronische Geräte zu nehmen, können sie sie auch mit zur HSM-Kontrolle bringen und wir können sie dann unter EKG-Kontrolle austesten. Häufig bestehen auch Unsicherheiten gegenüber Metalldetektor an Flughäfen. Wir haben einmal in unserer Ambulanz 350 Patienten unter EKG-Kontrolle durch so einen Flughafenmetalldetektor durchgeschleust. Dabei konnten wir zwar keine einzige Interferenz feststellen. Allerdings kann man sie aufgrund der Studie auch nicht ausschließen.
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Handys
Inwiefern beeinflussen Handys Herzschrittmacher?
Kolb: Kaum. Allerdings wurde eine Beeinflussung in Einzelfällen für ältere HSM-Modelle beschrieben. Aufgrund dieser Beobachtung wurde seit den 90er-Jahren empfohlen, Handys ca. 15cm vom Schrittmachergehäuse entfernt zu halten, sie also nicht in der Hemdtasche zu tragen und auch nur am kontralateralen Ohr damit zu telefonieren. Heute gilt: Moderne Herzschrittmacher sind gegen Mobiltelefone sicher abgeschirmt. Es besteht kein relevantes Risiko durch Smartphones, solange sie nicht direkt über dem Aggregat getragen werden. Eine generelle Abstandsempfehlung ist nicht mehr notwendig, lediglich das Tragen direkt über dem Gerät (z. B. Brusttasche) sollte vermieden werden.
Probleme von Herzschrittmachern
Welches sind die häufigsten Herzschrittmacher-Defekte?
Kolb: Defekte des HSM selbst, sind ausgesprochen selten, Probleme machen eher die Sonden. In ca. 2% der Fälle kann es direkt nach dem Eingriff zu Sondendislokationen kommen. Je länger sie implantiert sind, desto häufiger kommt es zu Verschleißerscheinungen, wie einer aufgeriebenen Isolationsstelle, die zum Bruch der Sonde führen kann. Manchmal muss man eine Sonde dann austauschen. Die Aussage der Hersteller, dass die Sonden ein Leben lang halten, gilt vielleicht für den typischen 80-jährigen Schrittmacherpatienten, der den Zeitpunkt, an dem Sondendefekte mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auftreten, meist nicht mehr erlebt. Junge Patienten dahingegen, die trotz ihrer Herzerkrankung eine ganz normale Lebenserwartung haben, kennen die Sondenproblematik durchaus. Bei Kindern besteht durch ihr Wachstum noch ein weiteres Problem: Sonden wachsen natürlich nicht mit. Durch den Zug und die mechanische Belastung können sie kaputt gehen, deshalb muss man sie regelmäßig austauschen. Die Haltbarkeit der Sonden zu verbessern ist letztlich das Problem, das noch nicht gelöst ist.
Magnetfelder
Wie können HSM durch Magnetfelder beeinflusst werden?
Kolb: Signale von relativ hochfrequenten Magnetfeldern mit einem schwachen elektromagnetischen Feld können vom HSM fälschlicherweise als Signal vom Herzen bewertet werden. Über die Kammersonde aufgefangen, inhibieren sie den HSM. Das ist vor allem für Patienten ohne Eigenrhythmus gefährlich. Wird das Signal über die Vorhofsonde empfangen, stimuliert der HSM mit der Maximalfrequenz von 140 Schlägen/ min. Jedoch kehrt der HSM wieder in seinen normalen Modus zurück, sobald sich der Patient vom elektromagnetischen Feld entfernt. Bei stärkeren Feldern im Bereich bis drei Millitesla, wechselt der HSM in den sogenannten "Magnetmodus". In diesem "Standardprogramm-Modus" arbeitet der HSM ohne individuelle Einstellungen: Er stimuliert asynchron ohne Rücksicht auf die eigene Herzaktion, was theoretisch Rhythmusstörungen auslösen kann.
MRT-Untersuchungen
Dürfen bei HSM-Patienten MRT-Untersuchungen durchgeführt werden?
Kolb: Seit über 10 Jahren sind MRT-taugliche Herzschrittmacher verfügbar. Nach ESC-Leitlinien 2021 ist eine MRT-Untersuchung bei Patientinnen und Patienten mit MR-conditional Devices unter definierten Sicherheitsprotokollen möglich. Nur bei älteren, nicht MRT-tauglichen Geräten bleibt die Untersuchung kontraindiziert.
Herzschrittmacher und Sport
Darf man mit einem HSM bestimmte Sportarten nicht mehr ausüben?
Kolb: Der HSM sollte die Patient*innen nicht davon abhalten sich sportlich zu betätigen, sondern sie darin unterstützen und ihnen die Angst davor nehmen, dass ihr Herz stehen bleibt. Man kann fast alle Sportarten mit einem HSM ausführen, jedoch sollte im Rahmen der Grunderkrankung bestimmt werden, welche körperlichen Aktivitäten für den Patienten sinnvoll sind und welche nicht. Beispielsweise würde man einem HSM-Patienten nicht unbedingt raten, eine Kampfsportart neu zu erlernen, da die Gefahr von Schlägen auf dem HSM einfach zu groß wäre. Bei Patient*innen, die allerdings seit Jahren trainieren, würde man versuchen, das Risiko zu senken, indem man den HSM unter den Pectoralis-Muskel implantiert und so besser vor Außeneinwirkungen schützen könnte. Nach aktuellen Empfehlungen ist Tauchen mit modernen Schrittmachern nicht grundsätzlich verboten, sondern abhängig vom Gerätetyp und Herstellerfreigaben. Viele Hersteller geben Drucktoleranzen bis 4–5 bar (entspricht ca. 40–50 m Tiefe) an. Patient*innen sollten sich vor Tauchaktivitäten individuell beraten lassen und die Herstellerangaben beachten. Auch in extremen Höhen über 7.000 m halten sich die HSM-Hersteller mit Garantieaussagen etwas zurück, da diese Situationen noch nicht besonders gut untersucht sind. Wenn ein Patient dann eine Himalaja-Tour plant, muss im Einzelfall das Risiko abgeschätzt werden. Es besteht ein Unterschied zwischen Patient*innen, die vielleicht nur eine leichte Bradykardie haben und solchen, die gar keinen Eigenrhythmus mehr besitzen. Die meisten Patient*innen sind aber vernünftig, wenn man ihnen darlegt, dass es wenige Erfahrungen mit solchen Extremsituationen gibt und dass ihnen keiner helfen kann, wenn sie auf dem Mount Everest stehen und der HSM aussetzt.
Anpassung an Körperaktivität
Wie können sich HSM an die Lebensvorgänge im Organismus anpassen?
Kolb: Früher trugen viele Patient*innen HSM mit Erschütterungssensoren. Anhand der Erschütterungs-Intensität konnte die Herzfrequenz vom HSM reguliert werden. Ab welcher Schwelle der HSM anfängt zu stimulieren und mit welcher Intensität ist programmierbar. Allerdings kann dieser Erschütterungssensor ausgetrickst werden. Ich hatte einmal eine 65-jährige Patientin, die obwohl sie eine sehr gute Skifahrerin war, bei den Bergaufstiegen immer unter Atemnot litt. Das lag daran, dass der HSM nur wenige Erschütterungen registrierte und dementsprechend die Herzfrequenz nicht adäquat regulierte. Im Gegensatz dazu hatte sie dann bei der Abfahrt über die Buckelpiste immer die Maximalfrequenz von 150 Schlägen. Heute sind multisensorische Systeme Standard, die neben Bewegung auch Atemminutenvolumen, Temperatur oder Impedanz messen. Dadurch ist eine präzisere Anpassung der Herzfrequenz an körperliche und emotionale Belastungen möglich.
Patient tot, Herzschrittmacher "lebt"
Kann ein Herzschrittmacher registrieren, ob jemand tot ist?
Kolb: Patienten mit einem implantierten HSM sterben ganz normal, wie alle andere Menschen auch. Zwar würde der HSM beim Verstorbenen feststellen, dass elektrische Signale aus dem Herzen fehlen und würde eine Stimulation einleiten. Diese wäre jedoch ineffektiv, da der Herzmuskel ohne Sauerstoff nicht mehr auf den Impuls reagieren kann. Woran HSM-Patienten allerdings nicht versterben können, ist an einem AV- Block III. Grades oder einer Asystolie. Das kann der HSM ausgleichen und dann ist es noch nicht Zeit zum Sterben. Kommt es bei den Patienten jedoch zu Kammerflimmern mit Frequenzen von bis zu 400 Schlägen/min, kann auch der HSM nicht mehr helfen. Dieser tachykarde Zustand kann nur noch durch einen Defibrillator unterbrochen werden.
Zum Lernmodul
Ja. Moderne Herzschrittmacher sind gegen Mobiltelefone sicher abgeschirmt. Es besteht kein relevantes Risiko durch Smartphones, solange sie nicht direkt über dem Aggregat getragen werden. Ein Abstand von 15 cm, wie früher empfohlen, ist nicht mehr notwendig.
Ja, wenn das Gerät MRT-tauglich („MR-conditional“) ist. Nach ESC-Leitlinien 2021 sind MRT-Untersuchungen unter definierten Sicherheitsprotokollen möglich. Bei älteren, nicht MRT-tauglichen Geräten bleibt die Untersuchung kontraindiziert.
Fast alle. Sport ist ausdrücklich empfohlen, da er die Lebensqualität verbessert. Tauchen ist nicht mehr grundsätzlich verboten – moderne Geräte sind bis zu bestimmten Drucktiefen (abhängig vom Hersteller, meist 4–5 bar) sicher. Patient*innen sollten sich individuell beraten lassen und die Herstellerangaben beachten.