Anzeige
Krankheitsbilder

ADHS: Krankheit oder kulturelles Phänomen?

Lucia Hagmann

ADHS betrifft drei bis fünf Prozent aller Kinder in Deutschland. Doch ist es eine klar definierte Erkrankung – oder eher ein kulturelles Phänomen? Wir haben mit Prof. Dr. Leuzinger-Bohleber, Direktorin des Frankfurter Sigmund Freud-Instituts und Professorin für psychoanalytische Psychologie an der Universität Kassel, gesprochen. Ihr Forschungsschwerpunkt: die Entwicklungspsychologie von Kindern und Jugendlichen.

Mädchen lehnt Kopf frustriert gegen Schultafel.
© detailblick-foto/stock.adobe.com - Stock photo. Posed by a model.

Was halten Sie von der These, dass ADHS eher eine umweltbedingte Verhaltensauffälligkeit ist, der das "Image" einer Krankheit verliehen wurde, um der Psychiatrie und Pharmaindustrie neue "Kunden" zuzuführen?

In diesem Zusammenhang muss bedacht werden, dass die Pharmaindustrie sehr viel Geld am Ritalin verdient. Es gibt Autoren, die daher die These vertreten, dass durch die Interessen der Pharmaindustrie eine Diagnose, zum Beispiel ADHS, und damit ein neuer Markt für Ritalin geschaffen wird. Dies sei ein Grund für die enorme Zunahme der Medikamentenvergabe.

Auf jeden Fall muss eine sorgfältige Abklärung durch einen Fachmann erfolgen, bevor ein Kind die Diagnose ADHS erhält. Nicht jedes Kind, das unaufmerksam und zappelig ist, hat ein ADHS.

Ich bin nicht prinzipiell gegen Medikamente: Manchmal sind sie eine Art Akuthilfe, um eine soziale Situation zu deeskalieren. Doch nur in den wenigsten Fällen lösen sie wirklich die Probleme, die diese Kinder haben.

Gerade weil die Medikamente hoch wirksam sind, verdecken sie die sozialen Ursachen, wie Traumatisierungen oder Frühverwahrlosung. Heute betonen Leitlinien, dass eine multimodale Therapie – also die Kombination aus Psychoedukation, Verhaltenstherapie, Elterntraining und ggf. medikamentöser Unterstützung – der Standard ist. Medikamente allein gelten nicht als ausreichende Behandlung.

Gibt es ADHS bei Naturvölkern?

In Afrika zum Beispiel, wo Kinder in manchen Gebieten in einem lockeren Verband mit anderen Kindern in einer Dorfgemeinschaft aufwachsen, kennt man die Diagnose nicht. Diese Kinder müssen nicht stundenlang auf einer Schulbank sitzen und sich dabei konzentrieren. So gesehen, handelt es sich um ein kulturelles Phänomen. Auch hier in Europa gibt es das Problem vom Zappelphilipp erst, seit die Kinder in die Schule gehen müssen. Aktuelle Forschung zeigt jedoch, dass ADHS-Symptome kulturübergreifend vorkommen. Unterschiede bestehen vor allem darin, wie Gesellschaften mit Aktivität und Aufmerksamkeit umgehen. Die Diagnose wird heute international gestellt, auch in Ländern außerhalb Europas und Nordamerikas.

Wo setzt man die Grenze zwischen krank und gesund (Normvariante)? Gibt es fließende Übergänge?

Die Klassifikationssysteme DSM-5 und ICD-11 geben heute die Kriterien vor. Beide Systeme wurden überarbeitet, um kulturelle Unterschiede besser zu berücksichtigen. Dennoch bleibt die Grenze zwischen „temperamentvoll“ und „hyperaktiv“ unscharf.

Ein Junge, der in Norddeutschland als auffällig gilt, wäre in Süditalien eher ein relativ ruhiger Junge. Einerseits spielt der kulturelle Faktor eine Rolle, andererseits auch die Wahrnehmung, zum Beispiel von Lehrern. Manche können mit aktiven Kindern gut umgehen, andere fühlen sich gleich gestört. Das sind persönliche Variationen.

Insgesamt ist es vielleicht weniger entscheidend, das Kind in eine "Schublade" mit einer bestimmten Diagnose zu stecken, sondern vielmehr, wie man dem Kind hilft, mit sich selbst und der sozialen Situation gut umzugehen. Man weiß, dass zum Beispiel auch Kinder mit einer eindeutigen ADHS-Diagnose in bestimmten Lernsituationen, in denen sie sich für ein Thema wirklich interessieren, stillsitzen und sich konzentrieren können.

Welche Gefahren birgt eine falsch indizierte Ritalintherapie?

Zunächst besteht ein Einfluss auf psychologischer Ebene. Das Kind erhält die Botschaft, es sei krank. Das ist für das Selbstkonzept des Kindes ein massiver Eingriff. Zum anderen weiß man noch sehr wenig über die Langzeitwirkungen. Neuere Studien zeigen, dass Stimulanzien bei korrekter Indikation sicher sind, aber eine engmaschige Kontrolle notwendig bleibt. Die Leitlinien warnen vor Überdiagnosen und betonen die Bedeutung psychosozialer Maßnahmen.

Wie kommt es zur Ausprägung von ADHS? Spielen dabei äußere Einflüsse eine Rolle?

Darüber wird kontrovers diskutiert. Es gibt ganz verschiedene Erklärungsmodelle über das Entstehen dieser Krankheit. Es gibt zum einen die neurobiologische Hypothese. Diese geht davon aus, dass eine Störung im Neurotransmittersystem vorliegt. Zum anderen können frühere Beziehungserfahrungen eine Ursache für ein späteres ADHS sein. Heute gilt ADHS als multifaktorielle Störung: genetische Vulnerabilität, neurobiologische Besonderheiten und Umweltfaktoren wirken zusammen.

Ist ADHS eine Modekrankheit? Spielt die Reizüberflutung in der heutigen Gesellschaft eine Rolle?

Aktuell wird ADHS nicht mehr als „Modekrankheit“ bezeichnet, sondern als klar definierte neuroentwicklungsbedingte Störung. Umweltfaktoren wie Reizüberflutung können Symptome verstärken, sind aber nicht alleinige Ursache.

Ist die Krankheit im Laufe der Zeit wirklich häufiger geworden oder wird sie heutzutage nur öfter diagnostiziert?

Heute geht man davon aus, dass die Häufigkeit relativ stabil ist (ca. 3–5 % der Kinder, 2–3 % der Erwachsenen). Die gestiegene Zahl an Diagnosen erklärt sich vor allem durch bessere Erkennung und breitere gesellschaftliche Aufmerksamkeit.

Wie begründet sich, dass ADHS als Krankheit bezeichnet wird?

Nach ICD‑11 und DSM‑5‑TR zählt ADHS zu den neuroentwicklungsbedingten Störungen. Die Diagnose dient dazu, Betroffenen gezielt Hilfen und Therapien zukommen zu lassen.

Findet sich bei der ADHS ein bildgebendes "Substrat"? Ist das zwingend ein Nachweis für den Krankheitswert?

Bildgebende Verfahren zeigen Unterschiede in Hirnregionen, die für Aufmerksamkeit und Impulskontrolle wichtig sind. Diese Befunde gelten als Hinweis, nicht als alleiniger Nachweis. Auch soziale Erfahrungen prägen das Gehirn.

In den USA wird über sechs Millionen Kindern Ritalin verabreicht. Glauben Sie, dass dieser Praxis immer eine saubere Indikation zugrunde liegt?

Fachgesellschaften kritisieren eine zu schnelle Verschreibungspraxis. In Deutschland gelten strengere Leitlinien, die eine umfassende Diagnostik vorschreiben.

Gibt es Therapiealternativen?

Ja, multimodale Konzepte mit Verhaltenstherapie, Elterntraining und pädagogischen Maßnahmen sind heute Standard. Studien belegen ihre nachhaltige Wirkung.

Gibt es Studien, die darüber aufklären, ob ein "Ritalin-Kind" langfristig häufiger süchtig wird?

Die Datenlage ist uneinheitlich. Wichtig ist die begleitende psychosoziale Unterstützung. Neuere Langzeitstudien zeigen kein erhöhtes Risiko für Substanzabhängigkeit bei korrekt behandeltem ADHS. Das Risiko steigt eher bei unbehandeltem ADHS.

Gibt es geeignete präventive Maßnahmen?

Heute wird Prävention vor allem über frühe Förderung, Elternberatung und Stressbewältigung diskutiert. Frühe Interventionen können die Entwicklung günstig beeinflussen.

Wie merke ich, ob mein Kind ADHS hat?

Eine Diagnose darf nur nach umfassender Abklärung durch Fachleute gestellt werden. Warnsignale sind anhaltende Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität über mindestens sechs Monate.

Was muss ich als Elternteil eines betroffenen Kindes beachten/ vermeiden?

Eltern sollten die Probleme ernst nehmen, eng mit Fachleuten zusammenarbeiten und weder dramatisieren noch bagatellisieren. Frühzeitige Hilfe verbessert die Prognose deutlich.

Anzeige
Häufige Fragen und Antworten

Eine seriöse Diagnose erfordert eine ausführliche Abklärung durch Fachleute nach ICD‑11 oder DSM‑5‑TR. Voreilige Diagnosen durch Nicht‑Spezialisten gelten als problematisch.

ADHS wird heute als neuroentwicklungsbedingte Störung verstanden. Kultur und Umweltfaktoren beeinflussen jedoch, wie Symptome wahrgenommen und bewertet werden.

Neben Stimulanzien empfehlen Leitlinien multimodale Ansätze: Verhaltenstherapie, Elterntraining, schulische Unterstützung und psychotherapeutische Maßnahmen.

Anzeige