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Alternative Berufsfelder

Beyond the Clinic – ein Seminarwochenende über Medizin, Moral und Macht

Justus Lamm

Blutentnahmen im Minutentakt, Operationen ohne Pause, stundenlange Visiten: Am Ende jeder Schicht fühlt sich der Gang zur Umkleide wie eine Erlösung an. Aber was passiert, wenn Ärztinnen und Ärzte die Klinik nicht nur nach Feierabend verlassen – sondern für immer? Das Seminar „Beyond the Clinic“ brachte uns mit Mediziner*innen ins Gespräch, die genau das getan haben. Unser Lokalredakteur Justus hat ihnen aufmerksam zugehört. Hier berichtet er, welche Wege dir nach dem Studium offenstehen.

Verschiedene medizinische Bereiche
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Das Seminar

In monatelanger Vorbereitung organisierten Stipendiatinnen der „ Stiftung der Deutschen Wirtschaft “ das Seminar „Beyond the Clinic“ für ihre Mitstipendiatinnen: In Eigenregie planten sie Verpflegung und Unterbringung, engagierten Redner*innen und akquirierten finanzielle Unterstützung.
Das Ergebnis? Unter dem Motto „Das Seminar für alle, die mehr wollen als Klinik“ fanden sich knapp 40 Medizinstudierende aus ganz Deutschland in Hamburg zusammen. Gemeinsam schufen wir dort einen Raum abseits von Kliniken und Leitlinien: Wir betrachteten Medizin, Gesellschaft und Verantwortung aus neuen Blickwinkeln – und hinterfragten kritisch unsere eigene Karriereplanung …

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Medizin und Mandate

Was, wenn nicht ein einzelner Mensch dein Patient ist, sondern das ganze Gesundheitssystem? Mit einer spannenden Rede eröffnet Dr. Peter Tschentscher (Erster Bürgermeister Hamburgs, SPD) unser Seminar. Nach mehreren Jahren ärztlicher Tätigkeit in Hamburg schlug er eine politische Karriere ein und verantwortet heute die Geschicke der Hansestadt. Tschentscher betont, dass medizinisches Handwerk auch in seiner politischen Arbeit unverzichtbar sei: So sind Kompetenzen, die wir im Studium üben – etwa wertschätzendes Zuhören, kritisches Analysieren, klares Entscheiden – auch in der Politik nützlich.

An diese Perspektive knüpft auch Dr. Johannes Wagner (MdB, Bündnis 90/Die Grünen) an: Als er seine Facharztausbildung zum Pädiater begann, erlebte er die Tragweite politischer Entscheidungen während der Corona-Pandemie hautnah mit – und beschloss daher, für den Bundestag zu kandidieren. Seine biografischen Einblicke zeigen, wie schwer sich politisches Engagement mit dem Arztberuf vereinbaren lässt – und dass er dafür auch manche berufliche Chance aufgeben musste. Für Wagner war das kein Rückschritt, sondern vielmehr ein bewusster Schritt dorthin, wo er den größten Unterschied machen kann.

Beide Gäste berichten, wie medizinische Expertise Politik bereichert: Von Personalmangel über Klinikversorgung bis Pandemie-Management – während Tschentscher die Perspektive seiner Großstadt schildert, ergänzt Wagner mit bundespolitischen Standpunkten. Klinische Debatten – etwa über Repräsentation, Diversität oder soziale Gerechtigkeit – übertragen sie dabei direkt auf gesellschaftliche Diskurse. Daher lautet ihr gemeinsames Plädoyer: Medizinisches Wissen gehört nicht nur an den OP-Tisch, sondern auch an den Gesetzestisch!

Medizin und Möglichkeiten

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Manchmal führt kein Masterplan zum Ziel – sondern der Mut, Umwege zu gehen!
Das machen Dr. Ute Wiedemann (Vorsitzende der DAK-Gesundheit ) und Dr. Stephan Hofmeister (Präsident des BFB ) eindrucksvoll deutlich.

Schon früh suchte Wiedemann nach Möglichkeiten „jenseits der Klinik“ und gründete bereits im Praktischen Jahr ein Unternehmen in der Energiebranche. Doch noch während sie über dessen Börsengang verhandelte, stoppte die weltweite Finanzkrise ihre ambitionierten Pläne abrupt! Statt aufzugeben, schlug Wiedemann neue Wege ein: Wenngleich ihre Wurzeln in der Pädiatrie liegen, landete die Ärztin schließlich an der Spitze der DAK – einer der größten Krankenkassen Deutschlands.

Hofmeister wiederum berichtet über seine abwechslungsreiche medizinische Laufbahn: Seine reichhaltigen Erfahrungen – ob aus dem Dienst bei der Bundeswehr oder seiner hausärztlichen Niederlassung in Hamburg – motivierten ihn zu berufspolitischem Engagement. Nach zunächst lokaler Beteiligung in der ärztlichen Selbstverwaltung übernahm er dort später eine führende Rolle und vertritt heute im BFB rund 1,4 Millionen Freiberufler*innen.

Beide Gäste treffen mit ihren Worten genau den Nerv der anwesenden Medizinstudierenden – eine Gruppe, die eher für detaillierte Leitlinien und akribische Planung bekannt ist. Ihr gemeinsamer Appell wirkt so simpel wie befreiend: Umwege, Rückschläge und Zufälle können große Chancen werden – wenn wir mutig genug sind, neue Wege zu gehen!

Medizin und Medikation

Erinnerst du dich noch an dein Biochemie-Praktikum? Bei mir platzte eine Pipette, sodass sich der Inhalt (unglücklicherweise Urin) über mich und durchs gesamte Labor verteilte. Mein weißer Kittel war ruiniert – und die helfende Professorin stieß versehentlich auch die restlichen Reagenzgläser um! Jeder Assoziation zu „Labor“ und „Chemie“ stehe ich daher grundsätzlich skeptisch gegenüber.

Umso mehr freut es mich, dass „Pharmaindustrie“ weit mehr bedeutet als reine Laborarbeit. Das zeigt uns Dr. Niko Andre , „Head Oncology“ bei AstraZeneca : Mediziner*innen prägen hier nämlich den gesamten Prozess der Entwicklung eines neuen Medikaments – von der Forschung bis zur Zulassung – direkt mit. Besonders in seinem Fachgebiet, der Onkologie, entstehen so Therapien, die Leben verändern – oder sogar retten!

Von klinischer Forschung bis Health Economics eröffnen sich somit für uns Medizinstudierende Karrierewege, die innovativ, spannend, sinnstiftend und gemeinwohlorientiert sind.


Medizin und Management

Kittel gegen Anzug, Stethoskop gegen Krawatte und Reflexhammer gegen Aktentasche – diesen Tausch haben jene Gäste vollzogen, die nach dem Studium in die medizinische Beratung gewechselt sind.

Bei McKinsey & Company bringt Cedric Tehranian seinen medizinischen Background vielseitig in die strategische Beratung der Gesundheitsbranche ein: Gemeinsam mit seinem Kollegen David Schafft entwickelt er moderne Lösungen für internationale Kunden. Eine Spezialisierung ist sinnvoll, doch der weltweit agierende Arbeitgeber garantiert abwechslungsreiche Projekte – jeder neue Auftrag kann völlig andere Themen bieten – oder andere Zeitzonen.

Währenddessen konzentriert sich Dr. Annika Jagodzinski , MHBA, MPH, bei der Lohfert & Lohfert AG auf den deutschen Gesundheitssektor. Sie berät vor allem Kliniken und Gesundheitseinrichtungen, entwickelt Strategien für Gesundheitsorganisationen und präsentiert ihre Ergebnisse in Vorstandsetagen.

Unsere Gäste zeigen, dass ein Wechsel in die Beratung kein Abschied von der Klinik ist, sondern neue Perspektiven auf sie eröffnet. Denn zwischen PowerPoint und Finanzen bleibt der klinische Blick dieser Ärzt*innen unverzichtbar: Sie verbinden Medizin mit Ökonomie – und machen unser Gesundheitssystem so zukunftsfähig!

Medizin und Menschlichkeit

Wie operiert man, wenn das Krankenhaus eine Höhle ist und der OP-Tisch ein Feldbett? Die Antwort darauf gab Dr. Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen , als er uns von seiner Arbeit in der humanitären Hilfe berichtete. Bei seinen Einsätzen in Kriegs- und Krisengebieten – ohne sterile OP-Säle und moderne Geräte – bestimmen oft Improvisation sowie eine große Portion Mut über Leben und Tod.
Gleichsam dem Klinikalltag müssen auch hier Entscheidungen schnell getroffen werden. „Verantwortungsbewusstes Handeln“ bedeutet nicht nur, das Leben der Patient*innen zu schützen, sondern ebenso das der Teammitglieder – und von uns selbst.

Stöbe rettet Menschen (meist unter eigener Gefahr) und verdeutlicht damit: Politische Debatten sind langfristig wichtig – doch im Akutfall sind beherzte Helfer*innen an vorderster Front unersetzlich! Uns Medizinstudierenden zeigt er eindrücklich, wie wir unsere Kompetenzen sinnstiftend nutzen können – nicht als klassische Karriere, sondern als couragiertes Engagement.


Medizin und Märkte

Diagnose: Gründerdrang! In einem Start-up-Panel lernten wir vier Ärzte kennen, die jenseits der Klinik unternehmerisch aktiv sind. Probleme, die ihnen im klinischen Alltag begegnen, lösen sie nicht durch Klagen, sondern durch Anpacken:

Inspiriert von eigenen Erfahrungen schuf Dr. Dr. Konstantin Krüger mit „ HowToDr. “ eine Plattform, die Medizinstudierenden ihren Weg zur Doktorarbeit erleichtert.
Gleich zwei der Gründer setzen bei ihren Lösungen auf künstliche Intelligenz: Mit „ Annota “ optimiert Matthias Zimmermann , M. Sc., medizinische Dokumentation, um seine Kolleg*innen im stressigen Alltag zu entlasten, während „ Reesi “ von Dr. Christoph Hillen einfachen Zugang zu onkologischen Studien ermöglicht.
Auch Prof. Dr. Magnus von Knebel-Doeberitz nutzt seine onkologische Expertise: Mit Biotech-Gründungen macht er unter anderem molekulare Prävention versorgungstauglich.

Im Gespräch spüren wir schnell, dass die vier Gründer mit ihren unterschiedlichen Projekten eine Vision eint: Wir alle können das Gesundheitswesen von innen verbessern – für die Menschen, die darin arbeiten, und die, die darauf vertrauen!


Medizin und Merci

Ohne das großzügige Engagement unserer finanziellen und ideellen Förderer wäre das Seminar „Beyond the Clinic“ nicht möglich gewesen.
Neben den bereits genannten Unterstützer*innen seien daher auch der „ sdw Alumniverein e. V .“ –den Carena Scheunemann mit zwei wertvollen Impulsvorträgen repräsentierte –, das „ Medizinicum Hamburg “, der Unternehmer Niklas Wiegandt sowie der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Sung Han erwähnt!
Besondere Anerkennung gebührt auch unserem Fotografen Lukas Renk (Inhaber der Bildrechte) für seine Aufnahmen.

Mein abschließender Dank gilt natürlich unserem fleißigen Orga-Team – bestehend aus Paul Bonath , Emma Rittich, Darius Amirmoini , Jeremiah J. Lauer , Savino Opitz und Nima Kheyrkhah Shali – für dieses inspirierende Wochenende!


Medizin und meine Zukunft

Kennst du das? Eine klare Prognose zu stellen, ist oft schwierig.
Daher beginne ich diesen Ausblick – so wie im Klinikalltag üblich – lieber mit einer kurzen Anamnese: Hier teile ich meine Eindrücke und Erfahrungen auf dem Weg zum Arztberuf mit dir. Auch diese Tätigkeit, als Lokalredakteur für Thieme , ist irgendwo „jenseits der Klinik“ zu verorten.
Trotzdem sehe ich mich aktuell eher auf einem klinischen Pfad: seit einem Praktikum in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hat mich dieses Fach einfach verzaubert.
Vermutlich zieht es mich also in eine ähnliche Richtung wie Dr. Sung Han – vielleicht aber auch ganz woanders hin. Denn „Beyond the Clinic“ hat mir gezeigt: Medizin kennt unzählige Wege – in und jenseits der Klinik!

Vor allem aber haben mir die intensiven Gespräche mit Gästen und Teilnehmenden bestätigt: Medizin ist mehr als Wissenschaft. Sie ist immer auch eine persönliche Reise - voller Staunen und der leisen Hoffnung, Patient*innen nachhaltig zu helfen! 
Und vielleicht ist das die schönste Prognose, die ich geben kann.


Häufige Fragen und Antworten

Neben der klassischen Laufbahn eröffnen sich spannende Möglichkeiten in der Pharmaindustrie, Unternehmensberatung, Gesundheitsmanagement, Start-ups oder humanitärer Hilfe.

Frühe Einblicke zeigen, wie vielfältig die Medizin ist. Sie helfen, eigene Interessen zu entdecken, Netzwerke aufzubauen und neue Perspektiven für die berufliche Zukunft zu gewinnen.

Nein! Viele Ärztinnen und Ärzte verbinden klinische Erfahrung mit neuen Rollen. Ob Beratung, Forschung oder Management – der medizinische Blick bleibt ein entscheidender Vorteil.

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