Therapie bei pädophiler Störung
„Lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?“ – mit diesem Slogan wirbt das Projekt „Kein Täter werden“ um Männer mit pädophilen Neigungen. Ziel des bundesweiten Netzwerkes ist es, die Männer zu einer Therapie zu bewegen, bevor sie Kinder sexuell missbrauchen. Funktioniert dieser Ansatz? Silja Schwenke sprach mit Prof. Dr. med. Peer Briken, Leiter des Präventionsprojektes in Hamburg und Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Herr Prof. Briken, das Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ startete 2005 in Berlin und existiert mittlerweile in sieben Städten. Warum ist es so erfolgreich? Gibt es keine anderen Möglichkeiten, Pädophile zu behandeln?
Prof. Briken: Doch, sicher. An unserem Institut behandeln wir pädophile Patienten seit über 50 Jahren. Zum Teil sind sie wegen Kindesmissbrauch verurteilt worden und haben eine Therapie-Auflage erhalten. Zum Teil kommen sie freiwillig. Aber: Die Männer wissen, wenn sie zum Arzt gehen, wird auf jeden Fall die Krankenkassenkarte durchgezogen, und ihre Daten sind dokumentiert. Das schreckt viele trotz der natürlich bestehenden Schweigepflicht ab. Unser Projekt läuft außerhalb der Kassen und damit sprechen wir einen Kreis an, der sonst nicht zur Behandlung kommen würde.
In einem Jahr hatten Sie knapp 160 Anfragen davon 100 durch potentielle Patienten. Rufen die Männer einfach an und sagen: „Hallo, ich bin pädophil“?
Die meisten Männer haben uns aus eigener Motivation kontaktiert, zum Beispiel per Mail oder Telefon. Darüber hinaus kontaktierten uns Ärzte, Therapeuten oder Beratungsstellen. Zehn Prozent der Anfragen kamen aus der Familie, etwa eine Ehefrau, die gemerkt hat, dass sich ihr Mann Kinderpornographie anschaut.
Nur etwa 40 der knapp 100 Männer behandeln Sie. Was ist mit den anderen passiert?
Oft stellte sich heraus, dass die Einschlusskriterien für das Projekt nicht zutrafen. Wenn jemand zum Beispiel unter Zwangsgedanken leidet, er könne ein Kind missbrauchen – er aber keine pädophilen Neigungen hat. Oder wenn ein Mann, etwa im Rahmen einer Schizophrenie, die Wahnvorstellung entwickelt, er könne Kindern etwas antun, diese Wahnvorstellung aber nicht seinen sexuellen Interessen entspricht. In diesen Situationen überweisen wir an andere fachkundige Stellen.
Wie gehen Sie vor, wenn ein Mann zu Ihnen kommt?
Wir führen eine ausführliche Anamnese inklusive Sexualanamnese durch. Außerdem wenden wir standardisierte Verfahren an, auf den Klienten wartet ein ganzes Fragebogen-Paket. Neben vielem anderen wollen wir etwa wissen, welche Art von sexuellen Fantasien er hat, wie oft diese auftreten, wie häufig Selbstbefriedigung er macht und ob er Kinderpornographie anschaut. Wir fragen nach Alkohol, Drogen, Freunden, Familie, Beruf – alles Faktoren, mit denen wir zum Beispiel einschätzen, wie hoch das Risiko ist, dass jemand ein Kind missbrauchen oder unter welchen Umständen er dies tun könnte. Bei Indikation erhalten die Männer eine ambulante Einzel- oder Gruppentherapie.
Setzen Sie auch Medikamente ein?
Sie denken jetzt wahrscheinlich an Stoffe, die hochdosiert quasi eine medikamentöse „Kastration“ hervorrufen, zum Beispiel Testosteron-Antagonisten* oder GnRH-Agonisten**. Ja, die setzen wir ein, aber sehr selten. Der Erfolg ist unterschiedlich. Männer, bei denen das sexuelle Interesse sehr dranghaft war, sind oft erleichtert, dass sie sich jetzt endlich mit etwas anderem beschäftigen können. Andere leiden dagegen sehr unter dem Verlust ihrer Sexualität. Häufiger und als erstes Medikament geben wir SSRI***.
Normale Antidepressiva?
Ja. Wir nehmen an, dass SSRI über drei Mechanismen wirken: Einmal bessert das vermehrt als Neurotransmitter zur Verfügung stehende Serotonin die eigenen Kontrollfunktionen. Personen mit pädophilem Interesse können ihre Impulse besser kontrollieren. Außerdem gibt es Hinweise, dass Missbrauchshandlungen öfter im Zusammenhang mit negativen Stimmungen auftreten, sozusagen als Kompensation, um mit negativen Gefühlen besser klar zu kommen. Gegen diese negativen Stimmungen sollen die SSRI Wirkung zeigen. Und schließlich haben SSRI die – normalerweise unerwünschte – Wirkung, dass sie die Libido senken und sexuelle Funktionsstörungen hervorrufen können. Ohne eine begleitende Psychotherapie machen aber alle Medikamente keinen Sinn.
Was passiert bei der Psychotherapie?
Zunächst versuchen die Therapeuten, eine möglichst vertrauensvolle Beziehung zum Patienten aufzubauen. Der Umgang mit Patienten soll respektvoll, nicht konfrontativ oder strafend sein. Ziel ist, dass die Männer ein eigenes Problembewusstsein entwickeln und ihr Verhalten ändern. Die Therapeuten motivieren sie zum Beispiel Spielplätze zu meiden, sich nicht bei Kinderfernsehen sexuell zu erregen, sich im Bus von Kindern fern zu halten, oder z.B. nicht im Sportverein Kinder beim Training zu betreuen. Gleichzeitig versuchen wir mit den Patienten Alternativen zu entwickeln, andere Beziehungen aufzubauen. Günstigenfalls können sich sexuelle Beziehungen zu erwachsenen Frauen oder Männern entwickeln. Je stärker fixiert das sexuelle Interesse auf Kinder ist, desto schwieriger ist das. Gegebenenfalls muss dann díe Kontrolle des Mannes über seine sexuell dranghaften Bedürfnisse geregelt werden. Außerdem haben wir zum Glück noch andere Bedürfnisse als sexuelle – nach Freundschaft, nach gemeinsamer Freizeit zum Beispiel. Da Alternativen zu entwickeln ist ebenfalls ein wichtiger Teil der Therapie.
Ist es nicht schwierig für einen Therapeuten, zu diesen Patienten eine respektvolle Beziehung aufzubauen und nicht konfrontativ zu sein? Selbst wenn jemand nur in Gedanken Kinder missbraucht …
Ja, das kann unter Umständen sehr schwierig sein. Und es kann auch nicht jeder, auch nicht jeder Therapeut. Ein gutes Team, in das die Therapeuten eingebettet sind, ist wichtig. Sie erhalten auch regelmäßig Supervisionen, bei denen sie über ihre Probleme sprechen können. Wir tauschen uns auch im Netzwerk aus.
Weisen Sie manchmal Klienten stationär ein, um einen Missbrauch zu verhindern?
Im Notfall, wenn wir denjenigen so einschätzen, dass im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung eine akute Fremdgefährdung droht. Im Rahmen unseres Projektes ist das bisher noch nicht vorgekommen. Es kommt selten zu solch einer Situation, und wenn, dann gehen die Klienten normalerweise freiwillig. Es kommt vor, wenn sich jemand extrem von seinen Fantasien getrieben fühlt oder bei Krisen in der Partnerschaft oder wenn Suchtpatienten entgiften.
Warum werden Menschen pädophil?
Diese Frage hat mich vor allem am Anfang meiner Arbeit mit pädophilen Patienten bewegt: Was bringt Menschen dazu, so etwas zu tun? Antworten lassen sich nur individuell finden. Manche Männer sprechen kaum über ihre Lebensgeschichte. Für sie „war es schon immer so“. Allerdings kennen wir aus der Forschung Merkmale, die gehäuft bei Männern mit pädophilen Interessen auftauchen: Ein guter Teil der Patienten ist früher selbst sexuell missbraucht worden. Häufig verbinden die Männer ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit Scham und Verboten. Viele erinnern sich an Zurücksetzungen, wurden gehänselt. Oft scheint es, als ob die sexuelle Entwicklung dann nicht mehr weiter geht und einfach „einfriert“, die Männer in einer kindlichen Welt bleiben. Hier gibt es sicher auch ein Wechselspiel mit hormonellen und neurobiologischen Faktoren.
In welchem Alter bemerken die Männer ihre Neigung?
Pädophile Männer, die sehr stark auf Kinder fixiert sind, häufig schon sehr früh, manchmal bereits vor der Pubertät oder häufig um die Pubertät herum. Andere fühlen sich vielfach nicht beständig zu Kindern hingezogen, sondern nur in bestimmten Lebenssituationen. Ein Großteil der Männer, die Kinder sexuell missbrauchen, erfüllt nicht die Kriterien für eine Pädophilie, viele sind nicht ausschließlich pädophil sondern weichen sexuell auf Kinder aus. Etwa 40 Prozent aller Sexualstraftäter erfüllen die Kriterien für eine Pädophilie etwas weniger als 20 Prozent die für eine ausschließliche Pädophilie.
Stimmt es, dass Pädophile kaum Gewalt gebrauchen?
Das hängt sehr von der Definition von Gewalt ab. Nehmen wir eine enge Definition – die Anwendung physischer Kraft und Zwang kommt seltener vor. Bei einer weiten Definition, zu der auch psychische Kraft gehört, mit der ein Ziel erreicht werden soll, lässt sich häufiger Gewalt feststellen. Vor allem aber kann ein Kind nicht vollumfänglich in eine sexuelle Handlung einwilligen, so dass immer ein Machtgefälle zwischen Erwachsenem und Kind bleibt. Viele pädophile Männer äußern Bedürfnisse nach Nähe, kindlicher Unbeschwertheit, Sorglosigkeit. Sie identifizieren sich stark mit der kindlichen Welt und vermischen dies mit ihren sexuellen Wünschen. Ihre Wahrnehmung kann so verzerrt sein, dass sie wirklich glauben, die Kinder würden die sexuellen Handlungen auch wollen.
Wenn jemand so freundlich ist, ist ein pädophiler Mann für ein Kind doch schwer zu erkennen. Wie kann man Kinder vor Übergriffen schützen?
Eltern und Erwachsene müssen das Selbstbewusstsein der Kinder stärken, damit diese „Nein“ sagen lernen. Eltern sollten früh mit ihren Kindern über Sexualität sprechen und mit ihnen auch im Gespräch bleiben. Kinder sollten so selbstbewusst sein und so viel Vertrauen zu den Eltern haben, dass sie ihnen erzählen, wenn irgendetwas „komisch“ ist.
Neigen Pädophile dazu, Lehrer oder Erzieher zu werden?
Das kann man so nicht sagen. Allerdings gibt es unter den Männern, die sexuellen Kindesmissbrauch begangen haben, eine kleine Gruppe, bei denen der Missbrauch im Zusammenhang von Arbeit oder Freizeit stattgefunden hat, also etwa im Sportverein. Diese Menschen sind im Schnitt intelligenter und leben angepasster als der Durchschnitt der Kindesmissbraucher. Deshalb gibt es aber noch keinen Grund, Erzieher und Lehrer unter Generalverdacht zu stellen. Der größte Anteil von Missbrauchshandlungen findet im Familien- und Freundeskreis statt. Taten durch Fremde sind selten.
Werden Frauen niemals pädophil?
Doch, wir wissen von Betroffenen, dass auch Frauen Kinder sexuell missbrauchen. Wir vermuten, dass Scham- und Schuldgefühle bei den Frauen noch größer sind und sie auch viel seltener angezeigt werden. Manchmal bezeichnen die durch Frauen sexuell missbrauchten Jungen ihre Erlebnisse zunächst nicht als Missbrauch, sondern als positive Erfahrung mit älteren Frauen. Eine Theorie besagt auch, dass Frauen anders missbrauchen als Männer – so anders, dass man zunächst gar nicht an sexuelle Motive denkt. Zum Beispiel stehen nicht das Berühren der Genitalen im Vordergrund, sondern übertriebene Formen von Sauberkeitserziehung oder andere Misshandlungen. Das Angebot des Projekts wird aber bisher nur von Männern wahrgenommen.
Wie beurteilen Sie den Erfolg des Projektes bisher?
Wie viele Kinder wir vor einem Missbrauch bewahren, lässt sich nicht messen. Was wir untersuchen, sind die Faktoren, von denen wir wissen, dass es Risikofaktoren sind. Diese Faktoren ändern sich im Laufe einer Therapie. In Deutschland, wie auch in anderen westlichen Ländern, nehmen die Rückfallraten von Sexualstraftätern insgesamt ab. Die Zahl der wegen Kindesmissbrauchs oder wegen des Konsums von Kinderpornographie Verurteilten ist aber in den letzten Jahren in Deutschland gestiegen.
*Zugelassen ist Cyproteronacetat (Androcur®)
** Zugelassen ist der Gonadotropin-Releasinghormon-Agonist Triptorelin (Salvacyl®)
*** SSRI: Selektive Serotonin-Reuptake-Hemmer
Das Projekt ermöglicht pädophilen Personen eine anonyme, nicht kassenbasierte Therapie. Nach einer ausführlichen Diagnostik erhalten Teilnehmende je nach Indikation Einzel‑ oder Gruppentherapien sowie in Ausnahmefällen medikamentöse Unterstützung.
Neben Psychotherapie kommen vorrangig SSRI zum Einsatz, die Impulskontrolle, Stimmung und Libido beeinflussen können. Medikamente wie Testosteron‑Antagonisten oder GnRH‑Agonisten werden nur selten genutzt.
Viele Männer möchten Hilfe, scheuen aber die Dokumentation bei Krankenkassen. Das Projekt bietet Anonymität und richtet sich an Personen, die sonst keine Behandlung in Anspruch nehmen würden.